→ Alexander Mossolow: Als Techno noch Zukunftsmusik war


Er ist der Erfinder der Maschinenmusik, einer Lieblingstante der Neffen Industrial, Techno und EBM. In seinem Bühnenstück „Die Eisengießerei“ ahmte er die Geräuschkulisse einer Eisenfabrik nach, in „Vier Lieder auf Zeitungsannoncen“ vertonte er Inserate. Damit gehörte Alexander Mossolow eindeutig zur Avantgarde.

Александр Васильевич Мосолов
Aleksandr Wassiljewitsch Mosolow
* 29. Juli / 11. August 1900 in Kiew
† 12. Juli 1973 in Moskau

Er wurde im Sommer 1900 geboren und war darum stets so alt wie das Jahrhundert. Alexander Mossolow kam aus einem großbürgerlichen und musischen Elternhaus. Der Vater war Rechtsanwalt, die Mutter Sängerin am Bolschoi-Theater und der Stiefvater ein begabter Maler. Alexander hatte so schon früh mit der Kunst Kontakt und durfte mit auf Reisen nach London, Paris und Berlin.

Wie so viele jugendliche Freigeister hatte auch Mossolow Probleme mit den Schulautoritäten. Gerade mal siebzehnjährig ging er vom Gymnasium ab und schloss sich der gerade aufflammenden russischen Revolution an. Er arbeitete im Sekretariat des Volkskommissars für staatliche Kontrolle und bekam mehrmals die Gelegenheit, Lenin persönlich zu treffen. Mit 18 Jahren wurde das Bürgersöhnchen überzeugter Rotgardist und kämpfte an der Front gegen die Weiße Garde. Nach einer Verwundung wurde er mit dem Orden des Roten Kriegsbanners ausgezeichnet und aus der Roten Armee entlassen. Nach dem Kriegsdienst widmete sich Alexander Mossolow der Musik. Er nahm Kompositionsunterricht bei Reinhold Glière und Nikolai Mjaskowski sowie Klavierunterricht bei Grigorij Prokofiew. Parallel verdiente er sich seinen Lebensunterhalt als Pianist und engagierte sich in der 1924 gegründeten Assoziation für zeitgenössische Musik.

Die Jahre zwischen den Weltkriegen war die Zeit der Ismen und Schismen in der Kunst und Politik: Futurismus, Faschismus, Dadaismus, Surrealismus, Konstruktivismus, Marxismus, Leninismus. Die Ansichten wurden immer radikaler und die vor allem in Musik und Malerei trieb man es auf die Spitze. Keine Harmonie mehr und keine Gegenständlichkeit. Der Künstler Alexander Rodtschenko beispielsweise erhob die nackte Linie zur Grundlage seiner Kunst („Lineismus“), nachdem die Konstruktivisten Kasimir Malewitsch und El Lissitzky ihrerseits die Fläche zum Ziel ihrer Kunst erhoben hatten.

Moderne Musik war genau das, was Mossolow machen wollte. Anfangs war er noch von spätromantischer Musik beeinflusst und folgte den Regeln der Tradition. Doch schon bald begann er diese Regeln aufzulösen und er wurde strikt antiromantisch, konstruktivistisch, radikal. In vielen seiner Werke mied Mossolow den Wohlklang und arbeitete stattdessen mit Atonalität und Dissonanzen. Internationale Bekanntheit erlangte seine Komposition „Die Eisengießerei (Zavod)“, die Mossolow als „Maschinenmusik“ bezeichnete. Das Stück ahmt die Geräuschkulisse einer Fabrik nach und steigert sich zur kakophonischen Lärmwand. Die Einstürzenden Neubauten lassen grüßen.

Lenin starb, Stalin folgte. Da diese Musik nicht den offiziellen Vorgaben vom Sozialistischen Realismus entsprach, musste der junge Mossolow immer mehr in Verteidigungshaltung gehen und litt bald unter Auftragsnot. Wie schon der Schriftsteller Michail Bulgakow (1891–1940) wandte sich Mossolow in seiner Verzweiflung schriftlich an Stalin und bat darum, entweder seine Kunst ausüben zu dürfen oder auszureisen. Stalin ließ beides nicht zu. Mit 36 Jahren wurde Alexander Mossolow wegen angeblicher öffentlicher Trunkenheit und Ruhestörung aus dem Komponistenverband ausgeschlossen.

Während Stalins politischer Säuberungswelle, dem Großen Terror, bei dem zwischen 1936 und 1938 insgesamt 1,5 Millionen Menschen inhaftiert wurden – von denen man rund die Hälfte erschoss – geriet auch Alexander Mossolow in Haft und wurde zu acht Jahren harter ‪Zwangsarbeit‬ im Gulag verurteilt. Allein durch die Fürsprache seiner einflussreichen Lehrer Reinhold Glière und Nikolai Mjaskowski kam er nach acht Monaten aus dem Gefängnis frei. Das harte Strafmaß wurde zurückgenommen und auf fünf Jahre Verbannung „abgemildert“. Wie bereits der Komponist Alexander Aljabjew (1787–1851) vor ihm, versuchte sich Mossolow durch das Sammeln von Volksliedern, vor allem in Turkmenistan und Usbekistan, zu rehabilitieren. Durch den permanenten Kampf gegen die Bürokraten-Diktatur war Mossolow bald ein gebrochener Mann. Von nun an komponierte er kaum noch, und wenn, dann das, was vom Staat gewünscht war.

Der große Experimentator starb am 12. Juli 1973. Nur einen Monat nach seinem Ableben, am 11. August 1973, erfand der amerikanisch-jamaikanische DJ Kool Herc mit seiner Kombination von Breakbeats (als DJ) und Rap (als MC) die Grundlagen des Hip-Hop. Dieses Prinzip, aus vorgefertigten Klängen neue Musikstücke zu basteln, hätte Alexander Mossolow sicherlich gut gefallen.

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Notabene: Es ist dem russischen Nationalheiligen Alexander Newski sowie drei gleichnamigen Zaren geschuldet, dass so viele russische Komponisten Alexander heißen:

Alexander Aljabjew (1787–1851)
Alexander Borodin (1833–1887)
Alexander Gretschaninow (1864–1956)
Alexander Glasunow (1865–1936)
Alexander Skrjabin (1872–1915)
Alexander Tscherepnin (1899–1977)
Alexander Mossolow (1900–1973)
Alexander Nemtin (1936–1999)

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Über Alexander

Ich bin außer mir.
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3 Antworten zu → Alexander Mossolow: Als Techno noch Zukunftsmusik war

  1. Pingback: Alexander Glasunow: Ein Leben für die Musik | ALEXIKON

  2. Franziska schreibt:

    Die Eisengießerei ist kein Klavierstück.

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