→ Alex DeLarge: Die mechanische Apfelsine


Alex ist ein ultrabrutaler Teenager, der keine Gnade kennt, aber Beethoven liebt. Mit seiner Romanfigur schuf der überzeugte Katholik Anthony Burgess einen bürgerlichen Albtraum und ein Idol für Mods und Punks. Dabei hatte der Autor etwas ganz anderes im Sinn.

Alex Delarge ist ein 15-jähriger Teenager, der mit seinen Eltern in einem Neubaukomplex lebt und mit seiner Bande, den Droogs, um die Häuser zieht. Mithilfe der Aufputschmilch „Moloko Plus“ versetzen sie sich allabendlich in einen Blutrausch, Milch macht müde Männer munter. Die Droogs rauben, vergewaltigen, brechen ein und prügeln tot, „Horrorshow“ eben, Alex und seine Milchbubis sind der wahre Schrecken der Straße. Gespielt wird der jugendliche Wilde von Mick Jagger, seine Band – die Rolling Stones – wird zur Bande. Einige Steinchen aus dem Umfeld der Stones sind in Nebenrollen zu sehen: Anita Pallenberg, Marianne Faithfull, Peter Blake. Regie führt John Schlesinger („Asphalt-Cowboy“) und die passende Musik kommt von den Beatles („Why Don’t We Do It in the Road?“). Beinahe wäre der Traum von einer „Rockwork Orange“ wahr geworden, denn fast hätte es diesen Film gegeben. Aber nur fast.

Mick Jagger hatte die Filmrechte für „Clockwork Orange“ bereits frühzeitig erworben, sie jedoch an den Produzenten Si Litvinoff weiter veräußert, der sich mit dem Filmgeschäft besser auskannte als die Stones. Ein Fehler, denn Jagger schlug zwar finanziellen Gewinn aus der Sache, aber gleichzeitig hatte er den Einfluss auf das Filmprojekt verloren. Im Drehbuch des von Litvinoff beauftragten Schreibers Terry Southern („Dr. Strangelove“, „Barbarella“) war Mick Jagger schon nicht mehr vorgesehen, stattdessen sollte David Hemmings („Blow Up“) die Rolle des jungen Alex verkörpern. Dazu sollte es nicht mehr kommen. Terry Southerns Drehbuch fiel der Zensur zum Opfer, das British Board of Film Censors fand das Skript zu anstößig und gewalttätig.

Alex und seine Droogs

Die Milchbubis Alex, Pete, Georgie & Dim

Dann schnappte sich Stanley Kubrick den Stoff. Seine eigenwillige Verfilmung als Gewaltballett verzichtete komplett auf Bezüge zur Rockmusik, aber auch auf das hoffnungsvoll stimmende letzte Kapitel, in dem sich in Alex’ Verhalten eine Veränderung andeutete.

Anthony Burgess hatte mit seiner Geschichte etwas ganz anderes im Sinn und fühlte sich 1973 zu einer Klarstellung genötigt. In dem Essay „The Clockwork Condition“ bezog der Autor ausführlich Stellung. Der Roman war gedacht als eine Parabel auf den freien Willen, der prinzipiell immer die Möglichkeit beinhaltet, sich bewusst für das Gute oder das Böse entscheiden zu können. „1961 begann ich einen Roman über die Heilung jugendlicher Straftäter zu schreiben. Irgendwo hatte ich gelesen, dass es eine gute Idee sei, den kriminellen Impuls durch einer Aversionstherapie zu neutralisieren.“ Im Roman landet Alex im Gefängnis und erhofft sich durch die Teilnahme an einem Umerziehungsprogramm seine vorzeitige Entlassung. Doch die Aversionstherapie geht schief und Alex reagiert nicht nur auf Gewalt und Sex, sondern auch auf die symphonische Musik seines über alles geliebten Ludwig Van mit Ekel und Übelkeit. Alex ist plötzlich ein konditionierter Hampelmann, ein Opfer statt Täter.

Für den Katholiken Burgess war die Wahl zwischen Gut oder Böse ein essentielles Grundrecht: „What I was trying to say was that it is better to be bad of one’s own free will than to be good through scientific brainwashing. When Alex has the power of choice, he chooses only violence. But, as his love of music shows, there are other areas of choice.“

2013_Clockwork-Orange

Im Roman lässt Burgess den jungen Alex auf eine Art gereiftes Ebenbild treffen, den Schriftsteller F. Alexander. Dieser hat im Buch ein Buch geschrieben, das noch dazu „Uhrwerk Orange“ heißt und in dem Alex an einer zufällig aufgeschlagenen Stelle den Satz liest: „Der Versuch, dem Menschen, einem natürlich gewachsenen Geschöpf, Gesetze und Bedingungen aufzuerlegen, die einer mechanischen Schöpfung angemessen sein mögen, gegen dies erhebe ich das Schwert meiner Feder.“

So erklärt sich auch der Titel des Romans. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte Burgess in einer Londoner Kneipe zum ersten Mal die Redewendung „as queer as a clockwork orange – absurd wie eine mechanische Apfelsine“ gehört. Damit wurden Ungeheuerlichkeiten bezeichnet, die wie der perverse Versuch wirkten, einer Orange ein Uhrwerk einzusetzen. Und was war verrückter, als aus einem menschlichen Wesen einen mechanischen Menschen zu machen, der wie gewünscht funktioniert?

Warum Burgess seine Figur Alex taufte, begründete er sowohl mit der internationalen Verbreitung des Namens als auch mit dessen Klang und Anklängen:

„The hero of both the book and the film is a young thug called Alex. I gave him that name because of its international character (you could not have a British or Russian boy called Chuck or Butch), and also because of its ironic connotations. Alex is a comic reduction of Alexander the Great, slashing his way through the world and conquering it. But he is changed into the conquered—impotent, wordless. He was a law (a lex) unto himself; he becomes a creature without a lex or lexicon. The hidden puns, of course, have nothing to do with the real meaning of the name Alexander, which is ‚defender of men‘.“ (The Clockwork Condition)

In Deutschland ist Alex vor allem durch das Lied der Toten Hosen bekannt geworden. Die Singleauskopplung „Hier kommt Alex“ war der Opener ihres Albums „Ein kleines bisschen Horrorschau“ (1988), das zur Hälfte aus Liedern für eine Theaterinszenierung von „Clockwork Orange“ an den Kammerspielen Bad Godesberg bestand. Frontmann Campino erklärt den Filmbezug: „Er war bei uns der absolute Kultfilm. Bei jeder Gelegenheit haben wir uns Zitate aus dem Film an den Kopf geworfen. Außerdem habe ich bestimmt zehn Jahre lang nur Doc-Martens-Boots mit Stahlkappen getragen, ähnlich wie die Droogs.“

Schon David Bowie verlangte in seiner Rolle als Ziggy Stardust, dass seine Begleitband, die Spiders (from Mars), wie die Droogs gekleidet sind und vielmehr als Bande denn als Band auftreten.

Egal, ob Buch oder Film – „Clockwork Orange“ ist eine Session wert. Für den englischen Guardian gehört das Buch unter die 100 besten Romane aller Zeiten, der Film ist ebenso ein Klassiker. „Aber ihr, o meine Brüder, gedenkt manchmal eures kleinen Alex, wie er war. Amen, und all der Scheiß.“

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Über Alexander

Ich bin außer mir.
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