→ Alexander ›Skip‹ Spence: Blues For an Airplane

Alexander „Skip“ Spence war Schlagzeuger bei Jefferson Airplane, bevor er Sänger, Gitarrist und Songschreiber seiner eigenen Band Moby Grape wurde. Das Leben des Kanadiers war von Schizophrenie und Drogenmissbrauch überschattet.

bürgerlich: Alexander Lee Spence
unbürgerlich: Skip Spence aka Skippy
* 18. April 1946 in Windsor, Ontario, Kanada
† 16. April 1999 in Santa Cruz, Kalifornien

San Francisco entwickelte sich ab Mitte der Sixties zum Liverpool der USA. Vor allem junge Menschen zog es gen Westen, denn in Frisco gab es eine aufblühende Musikszene. Unter den Neuankömmlingen war auch Alexander „Skip“ Spence, der Sohn von Alexander „Jock“ Spence (was auf schottische Vorfahren schließen lässt). Jock Spence war in jungen Jahren als Singer-Songwriter die Route 66 entlanggewandert; sein Sohn eiferte ihm in gewisser Weise nach.

Skip, genannt Skippy, kam den weiten Weg aus Kanada, um seinen Traum von einer Musikerkarriere zu verwirklichen. Er bekam Kontakt zur Szene und jammte in einer Vorstufe von Quicksilver Messenger Service, bevor er von Martyn Buchwald aka Marty Balin „entdeckt“ wurde. Marty stellte gerade für seinen Klub, das Matrix, eine Hausband zusammen und suchte noch einen charismatischen Schlagzeuger. Ihr Kennenlernen schilderte Marty auf der Plattenhülle von „Jefferson Airplane Takes Off“: „I saw him sitting in a club one day and I said: THAT’S my drummer.“

Skippy, der eigentlich Gitarre spielen wollte, fügte sich in die Rolle des Drummers; er hatte als Kind auch Schlagzeug gelernt. Skippy steuerte sogar einige Kompositionen bei, darunter die Auftaktnummer „Blues From an Airplane“ sowie „Don’t Slip Away“ und die später verwendeten Titel „My Best Friend“ und „J. P. P. Mc Step B. Blues“. Nur wenige Tage nach seinem Eintritt in die Band heiratete die Sängerin Signe Toly den Matrix-Techniker Jerry Anderson. Bei dieser Gelegenheit hatte Skip Spence seinen ersten Acid-Trip. Laut Erinnerung der Gastgeberin verbrachte er die meiste Zeit des Abends vor sich hin brabbelnd allein in einer Ecke, in seiner eigenen Welt. Kein gutes Omen!

Skip Spence blieb jedoch dabei. Auch wenn die übrigen Bandmitglieder ab und an selbst trippten, Skippy reagierte anders. Er wurde unzuverlässig, paranoid und unkalkulierbar. Nach Fertigstellung des Debütalbums schmissen ihn die Airplane raus, und Skippy gründete seine eigene Band, Moby Grape.

Grober Fehler! Das psychedelische Flugzeug erwies sich ab der zweiten Platte (mit den Hitsingles „Somebody To Love“ und „White Rabbit“) als absoluter Überflieger. Moby Grape hingegen haben sich auf dem Weg nach oben mächtig verflogen. Ein Grund hierfür mögen die hohen Erwartungen an die Band gewesen sein, aber auch die Drogen waren daran nicht ganz unschuldig. Ihre selbstbetitelte Debüt-LP „Moby Grape“ von 1967 wird vom Musikmagazin Rolling Stone in der Liste der „500 großartigsten Platten aller Zeiten“ auf Platz 124 gesetzt (flankiert von Janis Joplins „Pearl“ auf Platz 125), aber das hat nichts zu bedeuten. Ich selbst konnte der Musik von Moby Grape – im Gegensatz zu der von Jefferson Airplane – bisher überhaupt nichts abgewinnen. Die Platten von Moby Grape stehen wohl nur deshalb beim Plattenhändler, weil der sie einfach nicht loswird.

»Es war ein außergewöhnliches Gefühl:
meine im Wind wehenden Haare und Moby Grape im Radio.«
(Pete Townshend: Who I Am, S. 245)

Moby Grapes zweites Album „Wow“ entstand in New York, wo Skippy mit neuen Leuten in Berührung kam und eine drogeninduzierte Psychose erlebte. Mit einer entwendeten Feueraxt versuchte er, in das Hotelzimmer seiner Bandkollegen einzudringen. Herbeieilende Personen attackierte er ebenfalls mit der Axt. Das Vorspiel zu diesem „Fire Axe Incident“ schildert Gitarrist Jerry Miller:

»In New York veränderte sich Skippy radikal. Da waren einige Leute, die auf härteren Drogen und auf einem krasseren Lebensstil unterwegs waren und diese ganze Scheiße. Mit diesen Leuten zog Skippy fortan um die Häuser. Dann verschwand Skippy für eine Weile. Das nächste Mal, als wir ihn sahen, hatte er den Bart abrasiert und trug eine schwarze Lederjacke mit Kettchen, und er schwitzte wie ein Schwein. Ich weiß nicht, auf was zum Teufel er drauf war, aber es machte ihn völlig fertig. Und als nächstes zerhackt er meine Tür im Albert Hotel mit einer Axt.«

Angeblich soll LSD im Spiel gewesen sein, aber die Kombination New York (The Factory!), „schwarze Lederjacke“ und „schwitzen wie ein Schwein“ klingt verdächtig nach Amphetaminen. Wie Timothy Leary in seinem Rückblick feststellte: „Das letzte, was ein New Yorker braucht, ist eine Substanz, die Hypersensibilität hervorruft, die ‚Lebendigkeit‘ von allem aufdeckt.“ Und weiter: „Der Warhol-Schwarm futterte Drogen, die zur Flucht verhalfen, die abstellten, die Nervenenden hart und schwielig machten. Schnaps, Amphetamine, Beruhigungsmittel. Es gab in den Augen einiger Warhol-Leute eine beachtliche Rivalität zwischen ihren schnellen Drogen einer harten Wirklichkeit und unseren abgefahrenen Schönwetterdrogen.“

Peter Lewis, ebenfalls Gitarrist bei Moby Grape, erinnert sich so:

»Sie waren ohne mich im Fillmore East aufgetreten, und Skippy verschwand im Anschluss mit einer Art schwarzer Hexe, die ihn mit LSD fütterte. Es war wie diese Szene in dem Doors-Film. Er dachte ernsthaft, er wäre der Antichrist. In der Anstalt haben sie ihn dann sechs Monate lang mit Thorazine vollgepumpt.«

Im Bellevue Hospital diagnostizierten die Ärzte bei Skip Spence eine paranoide Schizophrenie, vermutlich ausgelöst durch Drogenmissbrauch. Während seines Krankenhausaufenthaltes schrieb Skippy mehrere Songs, die er direkt nach der Entlassung in Nashville aufnahm und auf dem eigenwilligen Soloalbum „Oar“ veröffentlichte. Syd Barrett lässt grüßen. Doch die Platte wollte kaum einer haben.

Mit den Jahren verfiel Skip Spence zusehends. Er rauchte, trank, spritzte und schnupfte. Bis zu seinem Lebensende verbrachte er viel Zeit in Psychiatrien, auf der Straße und in einem Trailerpark. Alexander Skip Spence starb zwei Tage vor seinem 53. Geburtstag an Lungenkrebs. Um die Behandlungskosten zu bezahlen, interpretierten namhafte Musiker wie Beck, Tom Waits, Robert Plant, Mark Lanegan und Mudhoney seine Songs für das Tributalbum More Oar.

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Diskographie
1. Jefferson Airplane: Jefferson Airplane Takes Off (1966)
2. Moby Grape: Moby Grape (1967)
3. Alexander Spence: Oar (1969)
4. More Oar: A Tribute to the Skip Spence Album (1999)

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Über andileser

Ich bin außer mir.
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