→ Alexander Newski: Warum alle Russen Alexander heißen

Alexander Newski

Eine Ikone: der heilige Alexander

Mit nur zwei Schlachten bewahrte Alexander Newski Russlands religiöse und kulturelle Eigenständigkeit. Im orthodoxen Kalender ist der mittelalterliche Großfürst heute als Nationalheiliger und Schutzpatron von St. Petersburg vermerkt.

Александр Ярославич Невский,
Aleksandr Jaroslawitsch Newskij
* um 30. Mai 1220 in Pereslawl-Salesski
† 14. November 1263 in Gorodez bei Nischni Nowgorod

Als Russlands Fernsehzuschauer im Jahr 2008 dazu aufgerufen waren, die bedeutendste Persönlichkeit des Landes zu küren, machte Alexander Newski den ersten Platz. Der mittelalterliche Fürst etablierte sich damit vor Alexander Puschkin, Alexander Suworow und Zar Alexander II., aber auch vor so harten Knochen wie Stalin (auf Platz 3), Lenin und Iwan dem Schrecklichen. Ein Spielfilm über Alexander Newskis Ruhmestaten entwickelte sich 2012 sogar zum landesweiten Blockbuster. Wer war dieser Alexander, der in angelsächsischen Ohren nach Newsweek und Skatingski klingt, dass man ihn in Russland noch 750 Jahre nach seinem Tod so sehr verehrt?

Alexander Jaroslawitsch lebte in einer für die russischen Lande höchst kritischen Epoche. Die Reste der ehemals mächtigen Kiewer Rus drohten zwischen zwei Mächten aufgerieben zu werden. Von links näherte sich der katholische Westen, von rechts stürmten die Reitervölker aus den Steppen Asiens heran. Fast alle russischen Teilfürstentümer waren bereits von Mongolen und Tataren besetzt, nur die reiche Handelsrepublik Nowgorod im hohen Norden hielt sich wacker. Gewähltes Oberhaupt der Stadtrepublik war Jaroslaw II. (1191–1246). Der mächtige Rurikiden-Fürst ließ sich allerdings vor Ort von seinem 15-jährigen Sohn Alexander Jaroslawitsch vertreten.

Das angrenzende Königreich von Schweden versuchte nun, die Situation der geschwächten Teilfürstentümer für sich zu nutzen und sein Gebiet über Finnland hinaus auszudehnen. Russland und Schweden waren zwar beides christliche Staaten, doch seit dem Morgenländischen Schisma von 1054 und dem Kreuzzug von 1204 galten Ost- und Westkirche einander als spinnefeind. Alexander Jaroslawitsch erfuhr vom Angriffsplan der Katholiken und holte am 15. Juli 1240 zum Verteidigungsschlag aus. Unter Ausnutzung des Heimvorteils startete Alexanders Heer bei dichtem Nebel am Newafluss einen Überraschungsangriff. Den Angreifern verging Hören und Sehen, und schnell zogen sich die Schweden für die nächsten Jahrhunderte in ihren Landesteil zurück.

Seit der Schlacht an der Newa trug der junge Feldherr die Ehrenbezeichnung Alexander Newski (deutsch: Alexander von der Newa); in schwedischen Quellen taucht das Ereignis merkwürdigerweise nicht auf. Als Zar Peter der Große ab 1703 an der Newa seine neue Hauptstadt aus dem Sumpfboden stampfen ließ, holte er die sterblichen Überreste Newskis nach Sankt Petersburg und machte den Nationalhelden zum Schutzpatron der Stadt. Alexander Newski sollte Schweden und Russen gleichermaßen daran erinnern, wer an der Newamündung die Hosen anhat.

Bald darauf wiederholte sich das Spiel. Diesmal verlangte es deutsche und dänische Kreuzritter sowie den verbündeten livländischen Schwertbrüderorden nach der Handelsmetropole Nowgorod. In der heute als legendär bezeichneten Schlacht auf dem zugefrorenen Peipussee fiel die Entscheidung. Am 5. April 1242 lockte Alexander Newskis Heer die Ordensritter aufs Eis und machte sie dort glatt. In der Folge konnte das orthodoxe Russland gegen das katholische Westeuropa weiterbestehen und seine religiöse und kulturelle Eigenständigkeit bewahren. Aus westeuropäischer Perspektive könnte man auch behaupten, dadurch sind sich Russland und Europa immer fremd geblieben.

Anders verhielt es sich mit den Mongolen, die inzwischen alle russischen Teilfürstentümer beherrschten. Die russischen Großfürsten mussten sich ihre Herrscherwürde neuerdings vom jeweiligen Khan bestätigen lassen, blieben aber dafür in ihrer Glaubensausübung frei. Als Alexanders Vater während einer solchen Reise in der mongolischen Hauptstadt Karakorum starb, ging die Thronfolge auf Alexander und seinen jüngeren Bruder Andrej über. Batu Khan, wie Kublai Khan ein Enkel des Dschingis Khan, bestätigte die beiden Brüder in der Nachfolge für „Kiew und das ganze russische Land“. Doch Andrej plante langfristig die Vertreibung der mongolischen Besatzer und paktierte wohl aus diesem Grund mit dem katholischen Westen. Newski, der den Katholiken weiterhin misstraute, anerkannte die militärische Überlegenheit der Mongolen voll und ganz. Andrej wurde abgesetzt und Alexander zum russischen Großfürsten ernannt. Solcherart mit beträchtlicher Machtfülle ausgestattet setzte Newski die Steuerforderungen der Goldenen Horde durch und bereitete den Boden für einen russischen Zentralstaat.

Da er nun nichts mehr verpassen konnte, legte Alexander kurz vor seinem Tod das Gelübde ab und ließ sich am 23. November 1263 als „Mönch Alexi“ im Mariä-Geburts-Kloster von Wladimir bestatten. Die Mönche des Klosters hielten die Erinnerung an seine Person aufrecht, indem sie seinen Lebenslauf nach und nach zu einer adäquaten Heiligenvita umfrisierten, denn nur so kommen die Besucher, und nur so kommt Geld in den Opferstock.

Erst unter der Regentschaft von Iwan dem Schrecklichen wurde Alexander Newski innerhalb der Russisch-Orthodoxen Kirche heiliggesprochen. Nun galt der Nationalheld als Schirmherr des slawischen Landes und als Schutzhelfer gegen äußere Feinde. Auch ein anderer „Schrecklicher“ erhob Newski später zum nationalen Vorbild. Auf Stalins Anordnung verfilmte der sowjetische Regisseur Sergej Eisenstein die Schlacht auf dem Peipussee in dem Historienschinken „Alexander Newski“ von 1938; Sergej Prokofjew komponierte dazu die Filmmusik.

Nachnahme: Wie der Vorname Alexander in die russischen Lande und auf Newski kam, ist nicht überliefert. Ein Papst wie Alexander III. (1105–1181) als Namenspate kam für die Orthodoxen jedenfalls nicht in Betracht. Bekannt ist aber, dass der Nationalheilige Newski seinerseits als Namenspatron für ganze Heerscharen russischer Alexander herhalten durfte. Ganz Russland heißt quasi Alexander. Da gab es die drei Zaren Alexander I.+II.+III. sowie Alexandra Fjodorowna, Alexander Puschkin, Alexander Rodtschenko, Alexander Glasunow, Alexander Mossolow, Alexander Ponjatow (AMPEX), Alexander Tschawtschawadse, Alexander Koyré, Alexander Kojève, Alexander von Nordmann…

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Über Alexander

Ich bin außer mir.
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2 Antworten zu → Alexander Newski: Warum alle Russen Alexander heißen

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