→ Alexander Tamanjan: Er baute Jerewan

Thinking of a masterplan: Alexander Tamanjan auf einer armenischen Banknote von 1999.


Die armenische Hauptstadt Jerewan wurde zweimal errichtet. Einmal vom Zufall und ein andermal nach Plänen von Alexander Tamanjan.

armenisch Ալեքսանդր Թամանյան
russisch: Александр Оганесович Таманян
* 4. März 1878 in Jekaterinodar/Krasnodar, Russland
† 20. Februar 1936 in Jerewan, Armenien

Nach der Besetzung durch die Rote Armee Anfang der zwanziger Jahre wurde das kleine unabhängige Armenien eine Sowjetrepublik. Und Jerewan die erste Stadt der jungen Sowjetunion, für die ein Generalbebauungsplan erarbeitet werden sollte. Der Bebauungsplan von 1924 stammte von Alexander Tamanjan. Der armenische Architekt bereitete mit seiner Stadtplanung den Wandel vor, der aus einer historischen Kleinstadt mit 30000 Einwohnern eine moderne Großstadt mit aktuell knapp über einer Million Einwohnern machte.

Alexander Tamanjan wurde in eine Bankiers-Familie im russischen Jekaterinodar geboren, was eventuell den Vornamen erklärt, denn damals wurde Russland von Zar Alexander II. regiert. Es gab auch einen armenischen Komponisten namens Alexander Spendiarjan (1871–1928), der wiederum in der Ukraine zur Welt kam. Wie auch immer, der Name war bereits durch Griechen und Russen in der Kaukasus-Region bekannt.

Tamanjans Arbeiten orientierten sich an einer neoklassizistischen Formensprache, die durch die Verwendung von Arkaden, Blendbögen, Weinlaubreliefs und rosa Tuffstein gekennzeichnet ist. Frühe Beispiele seiner Arbeit sind die Rekonstruktion der armenischen Kirche am Newski-Prospekt in Sankt Petersburg, das Herrenhaus VP Kochubey in Zarskoje Selo und das Haus von Prinz Scherbatowa am Nowinski-Boulevard in Moskau.

Tamanjans Plan für Jerewan sah eine moderne Stadt mit einer Einwohnerzahl von 150000 Menschen vor. Das verwinkelte historische Stadtzentrum ordnete er durch schnurgerade Prachtboulevards, großzügige Parks und ein System von Ringstraßen neu. Auf dem Platz der Freiheit, Schnittpunkt mehrerer Verkehrsachsen, platzierte er das Armenische Haus des Volkes, eine Kombination von Oper und Theater in einem prächtigen Doppelbau. Das Opernhaus wurde 1938 nach dem einheimischen Komponisten Alexander Spendiarjan benannt; das Theater hingegen konnte erst nach dem zweiten Weltkrieg durch Alexanders Sohn Georg Tamanjan fertiggestellt werden.

An anderer Stelle hat Tamanjan mehrere administrative und repräsentative Bauten errichten lassen. Der ovale Platz der Republik beherbergt heute das Regierungsgebäude, drei Ministerien, das Hotel Armenia im Charme der Siebziger, die Nationalgalerie, das Historische Museum und die Zentralpost. Um das Zentrum gruppieren sich neue Stadtviertel, die zum Gedächtnis nach Orten benannt wurden, aus denen die Armenier nach dem Untergang des Osmanischen Reichs von den Türken vertrieben worden waren.

Für die Umsetzung des neuen Straßenrasters wurde das historische Stadtbild radikal verändert. Alte Kirchen, Moscheen, die persische Festung, rote Tuffsteinhäuser, Bäder, Basare und Karawansereien wurden kurzerhand abgerissen. Besonders tragisch ist die Zerstörung der ersten Kirche Jerewans, denn Armenien wurde um 300 christianisiert und ist damit die erste christliche Nation der Welt. St. Peter und Paul war im 5. Jahrhundert erbaut und 1931 zugunsten eines Kino-Neubaus abgetragen worden.

Noch heute wird an seinem Masterplan gearbeitet, etwa an der Kaskade, einer monumentalen Treppe im Norden Jerewans. Seit 1974 befindet sich am Fuße der Kaskaden ein Denkmal für den bedeutendsten armenischen Architekten. Es zeigt Alexander Tamanjan über einen Zeichentisch gebeugt in seine Arbeit versunken. Die einprägsam gestaltete Skulptur gehört heute zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten und Treffpunkten der Hauptstadt. Neben Jerewan entwarf Tamanjan auch Bebauungspläne für die Kaukasus-Städte Leninakan (vorher: Alexandropol; heute: Gyumri) und Stepanakert, Hauptstadt der von Armeniern besiedelten aserbaidschanischen Exklave Bergkarabach.

Das offizielle armenische Wappen.

Neben diesen baulichen Werken schuf Tamanjan auch ein Symbol nationaler Identität, das beispielweise auf Reisepässen und anderen Dokumenten Armeniens Grenzen überwinden kann. Für die unabhängige Republik Armenien, die von 1918 bis 1922 bestand, entwarf er das Staatswappen. Das Hoheitszeichen zeigte einen silbernen Adler und einen goldenen Löwen, gemeinsam einen Schild präsentierend. Der Schild ist viergeteilt und enthält die Wappen der historischen Königshäuser (Artaxiden, Arsakiden, Bagratiden, Rubeniden). In der Schildmitte ist der biblische Berg Ararat abgebildet, der sich heute auf türkischem Staatsgebiet befindet. Seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion ist Tamanjans Entwurf in leicht modifizierter Form wieder offizielles Staatswappen.

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