Der absolut endgültige Kanon!

Mount Rushmore der Antike: Der Berg Athos nach Deinokrates. Anklicken zum Ankieken.

Ein Bildungskanon soll definieren, was jeder brave Bürger wissen muss, damit die demokratische Gesellschaft nicht auseinanderfliegt. Hier gibt es die letztgültige Liste.

DIE ZEIT, ihres Zeichens Wochenzeitung für den Bildungsbürger mit Rot-Grün-Schwäche, hat wieder einmal eine leidige Kanon-Debatte losgetreten. Den Journalisten Thomas Kerstan hatte hinterrücks das „diffuse Gefühl“ beschlichen, „die Übersicht zu verlieren in einer Welt, die ich gut zu kennen glaubte.“ Willkommen im Klub, möchte man da hinüberrufen, und: werd erwachsen!

Nun soll ein Bildungskanon allgemeingültig definieren, was jeder brave Bürger wissen muss, um kein islamistischer Terrorist, rechter Randwähler oder diktaturanfälliger Privatier zu werden. Emsig wurde eine Liste zusammengestellt (als Diskussionsangebot wohlgemerkt), die Werke der Literatur, des Films undsoweiter aufzählt, die jeder kennen sollte, ja, kennen muss. Wie immer mit dabei, Goethes „Faust“.

Dabei ist das natürlich ein großer Quatsch, ein Flicken für das Sommerloch. Man schießt mit dem Kanon auf Spatzen. Wie jeder Geisteswissenschaftler im ersten Semester lernt, leben wir nicht nur im postkolonialen und postmodernen, sondern auch im postkanonischen Zeitalter. Und das ist auch gut so, denn welche Institution soll verbindlich darüber bestimmen, was für die Gesellschaft essentiell ist und was nicht? Der geheime Rat Weiser Alter Männer? Oder doch lieber der Klub übellauniger Feministinnen?

Das Alexikon war immer als Angebot gedacht, dem erstarrten Museumslehrplan aus Bach-Goethe-Bauhaus zu entfliehen und die bisherige Kulturgeschichte der Abwechslung halber durch einen Alexander-Filter zu betrachten. Eine spielerische Herangehensweise, denn der Filter kann jederzeit durch einen eigenen ersetzt werden. (Nimm deinen eigenen Vornamen!) Das Ziel ist ja gerade der Anti-Kanon.

Hier kommt nun der absolut letztgültige Anti-Kanon. Was muss von allen gewusst werden, wer darf von niemandem vergessen werden? Natürlich bleiben die Bibel und der Koran weiterhin die wichtigsten Bücher im Regal – als Stütze für all die Taschenbücher, um sie vor dem Umkippen zu bewahren.

LITERATUR

1. Der Alexanderroman: Der Alexanderroman war das populärste Buch des Mittelalters, gleich nach der Bibel und vor der Artuslegende. Der fantastische Stoff ist wirklich multikulturell, denn er lag in über 30 verschiedenen Übertragungen vor, zum Beispiel als syrischer, persischer oder äthiopischer Alexanderroman. Das deutsche „Alexanderlied“ des Pfaffen Lamprecht gilt als erste schriftliche Großerzählung in deutscher Sprache, die alttschechische „Alexandreis“ von 1300 als erstes bedeutendes Werk tschechischer Sprache.

2. Alexander Puschkin – Erzählungen: Ob Gogol, Dostojewski oder Bulgakow, die ganze russische Literatur lässt sich auf Alexander Puschkin zurückführen. Wer Puschkin liest, betritt das Allerheiligste der russischen Seele.

3. Alexandre Dumas – Die drei Musketiere / Der Graf von Monte Christo: Dumas hat den Fortsetzungsroman zwar nicht erfunden, aber weitgehend perfektioniert. Die Geschichten um d’Artagnan und seine drei Freunde Athos, Porthos und Aramis sind Allgemeinwissen, die Geschichte um Edmond Dantès ist die Rache-Story schlechthin.

4. Alex Haley – Die Autobiographie von Malcolm X (1965): Das Buch mit dem widersprüchlichen Titel geht auf Interviews zurück, die Alex Haley vor der Ermordung von Malcolm X mit diesem geführt hatte. Der Leser erfährt mehr über Rassismus, schwarze Identitäten und die Aneignung von Identität, als durch ein soziologisches Fachbuch.

5. Anthony Burgess – A Clockwork Orange (1962): Der Roman handelt von der Willensfreiheit, also der Fähigkeit des Menschen, sich für gut oder böse zu entscheiden. Die Hauptfigur Alex entscheidet sich stets für das Böse. Und das ist gut für die Handlung.

FILM

6. Stanley Kubrick – Clockwork Orange (1971): Ein Film wie ein Albtraum, aber dafür schön bunt. Mit vielen unvergesslichen Einstelllungen, bespielweise einem Mord, einer Gruppenvergewaltigung und einer Neukonditionierung. Die Kulissen hätten einen Oscar verdient.

7. Yves Robert – Alexander der Lebenskünstler (1967): Der Film ist eine Ode auf den Müßiggang. Warum rund um die Uhr schuften, wenn es sich mit einem Bruchteil an Aufwand viel besser leben lässt.

BILDENDE KUNST & ARCHITEKTUR

8. Deinokrates – Monumentalplastik am Berg Athos (um 333 v.Chr.): Deinokrates war ein Architekt Alexanders des Großen. Als solcher entwarf er das Mount Rushmore der Antike, bei dem ein übergroßes Abbild des Makedonen aus dem Berg Athos geschlagen werden sollte. Die Monumentalplastik sollte zur Linken eine Stadt beschirmen und zur Rechten einen See umfassen. Ein frühes Beispiel für Größenwahn in der Kunst.

9. Richard Rodgers & Lorenz Hart – Smash Song Hits (1939): Bei diesem Album des Songwriter-Duos Rodgers & Hart („Blue Moon“, „My Funny Valentine“) geht es ausnahmsweise nicht um die Musik, sondern um die Verpackung. Hierbei handelt es sich nämlich um das erste gestaltete Plattencover der Geschichte. Der New Yorker Designer Alex Steinweiss war auf die Idee gekommen, die zuvor grauen Papierhüllen als ansprechende Werbeplakate und Kaufanreiz zu nutzen. Was wären Platten heute ohne ihr Titelcover?

10. Peter Behrens – Alexanderhaus am Alexanderplatz (1930–1932): Das Alexanderhaus und das benachbarte Berolinahaus sind die beiden ersten modernen Gebäude am Alexanderplatz. Architekt der Bauten war der vielseitige Gestalter Peter Behrens. Als Architekt war Behrens Lehrmeister der Herren Walter Gropius, Mies van der Rohe und Le Corbusier, und als Designer erfand er für AEG das Corporate Design. Bitte nicht mit dem Trio-Schlagzeuger gleichen Namens verwechseln!

11. Alexander von Salzmann – Beleuchtung in Dresden-Hellerau (1911): Der Deutsch-Georgier war ein Maler und Karikaturist des Jugendstils. In der Gartenstadt Dresden-Hellerau betätigte er sich als „Beleuchtungsinspekteur“ und entwickelte für das von Heinrich Tessenow erbaute Festspielhaus ein hochmodernes Lichtkonzept. Und das weit vor László Moholy-Nagy und dem Bauhaus.

NATURWISSENSCHAFTEN

12. Alexander Parkes – Plastik-Erfinder (1855): Der Metallurge aus Birmingham erfand mit einem Zelluloid namens „Parkesin“ den ersten thermoplastischen Kunststoff der Geschichte. Leider verpasste er die richtige Vermarktung seines Produktes.

13. Alexander Cumming – Erfinder von WC und Siphon (1775): Am 3. Mai 1775 reichte Alexander Cumming das Patent für ein „Water Closet“ ein. Das Beste daran war eine Rohrkrümmung, genannt Siphon, die als Geruchsfalle diente.

14. Alessandro Volta – Erfinder der Batterie (um 1800): Ein Leben ohne elektrische Energie wäre heute nicht nur unvorstellbar, sondern auch sinnlos. Volta erfand mit der sogenannten Voltasäule die erste Batterie der Geschichte.

15. Alexander Fleming – Entdecker des Antibiotikums Penicillin (1928): Durch unsauberes Arbeiten entdeckte Fleming die Bakterien tötenden Eigenschaften eines Schimmelpilzes. Seine Entdeckung rettete bis heute mehreren Millionen Menschen das Leben.

16. Alexej Leonow – Welterster Weltraumflaneur (1965): Als erster Mensch verließ der Russe Alexej Leonow sein Raumschiff, um in direkten Kontakt mit der schwerelosen Leere des Alls zu treten. Während sein Kollege Pawel Beljajew an Bord von Woschod 2 die Knöpfe drückte, absolvierte Leonow am 18. März 1965 den ersten Weltraumspaziergang der Geschichte.

THEORETISCHE WERKE

17. Alexander Gottlieb Baumgarten – Aesthetica (1750/1758): Baumgarten hat die Ästhetik zwar nicht erfunden, aber er hat sie zu einer „Wissenschaft des sinnlichen Erkennens“ erhoben und damit neben die rationale Logik gestellt.

18. Alex F. Osborn – Brainstorming (1939): Jedes Kind kennt heute den Begriff „Brainstorming“. Erfunden hat ihn der Werbefuzzi Alex Faickney Osborn als griffige Bezeichnung einer von ihm entwickelten Kreativmethode.

MUSIK

19. Grace Jones – Nightclubbing (1981): Das dritte und letzte von Alex Sadkin produzierte Grace-Jones-Album enthält die Hits „Pull Up to the Bumper“ und „Libertango“ und machte die androgyne Disco-Queen endgültig weltberühmt.

20. Arthur Alexander – The Greatest (1962): Seine Single „You Better Move On“ wurde zur Initialzündung für den Musikstandort Muscle Shoals. Die Region in Alabama etablierte sich mitten im amerikanischen Musik-Dreieck von New Orleans-Nashville-Memphis als Quelle des Southern Soul. Alexanders schwarzer Country-Sound faszinierte die frühen Beatles ebenso wie die jungen Rolling Stones.

21. Alessandro Marcello – Konzert für Oboe und Orchester in d-Moll (um 1700): Johann Sebastian Bach darf aufgrund seiner Weltgeltung natürlich nicht fehlen. Zwar hat er dieses barocke Musikstück nicht selbst komponiert, aber durch seine Bearbeitung fürs Cembalo populär gemacht (BWV 974). Ein mustergültiges Beispiel für deutsch-italienische Zusammenarbeit und innereuropäischen Kulturaustausch.

22. Alessandro Striggio – Ecce beatam lucem (1561): Die kleine Vokalmusik ist eine Mottete für vier Chöre von jeweils sechzehn, zehn, acht und sechs Stimmen. Jede der vierzig Stimmen hat ihre eigene Notenspur. Damit stellt „Ecce beatam lucem“ das bedeutendste polyphone Werk der Renaissancemusik dar. Sollte man kennen.

23. Alexander Mossolow – Die Eisengießerei (1926/1928): Mossolow war ein Avantgardist, der in seinen Kompositionen auch schon mal Zeitungsannoncen vertonte. Das als „Maschinenmusik für Orchester“ untertitelte Instrumentalstück „Eisengießerei“ ist ein Überbleibsel eines ambitionierten Balletts mit dem Namen „Stahl“.

Über andileser

Ich bin außer mir.
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2 Antworten zu Der absolut endgültige Kanon!

  1. arnoldnuremberg schreibt:

    Hier auf wordpress gab es unter Buch-Blogger*innen schon den ein oder anderen Kanon-Gesang. Manche senden auch ihre persönlichen Hit-Listen, Rankings oder Alltime-Favourites. Doch so ein eigener namentlicher Kanon ist dabei schon etwas ganz besonderes. Schöne Grüße

    • andileser schreibt:

      Ahoi! Für einen Beispiellink wäre ich nicht undankbar. Meine persönliche Suche blieb leider erfolglos, mir wurden von Google nur koreanische Cosplay-Seiten angezeigt.

      Gruß zurück!

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