→ Sandor Csoma alias Alexander Csoma de Kőrös

A Pioneer of Friendship: Alexander Csomas Grab- und Gedenkstein in Darjeeling (Foto: Bodhisattwa, CC BY-SA 3.0)

Von einem, der auszog, den Ursprung zu finden. Alexander Csoma de Kőrös suchte die Wurzeln der ungarischen Sprache in Zentralasien und schuf stattdessen das erste tibetische Wörterbuch und wurde zum Begründer der Tibetologie. Am Ende konnte er siebzehn Sprachen sprechen, schreiben und lesen.

Alexander Csoma von Körös
Ungarisch: Kőrösi Csoma Sándor
Persisch: Eskander Csoma az Mulk-i-Rum
* 27. März 1784 in Kőrös/Chiuruș, Siebenbürgen
† 11. April 1842 in Darjeeling, Indien

Seine ungarische Namenskonstruktion Kőrösi Csoma Sándor bedeutet nichts weiter als Alexander Csoma aus Körös. Sándor Csoma Kőrösi könnte man aber auch mit Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit gleichsetzen, denn fast sein ganzes Leben widmete er der Suche nach der Ursprungsheimat aller Ungarn. Aus einem Dorf in Siebenbürgen zog es Sándor (sprich: Schandor) in die weite Welt hinaus und über Göttingen, Sofia, Alexandria, Beirut, Bagdad, Teheran, Buchara und Kabul kam er bis Delhi und Kalkutta.

Die Sprache der Ungarn ist eine Besonderheit, denn sie ist mit keiner Sprache ihrer Nachbarn verwandt. Sie ist weder eine romanische (Rumänien), noch eine germanische (Österreich) noch eine slawische Sprache (Serbien, Kroatien, Slowakei, Ukraine). Für Sándor lag der Schluss nahe, dass die Ungarn aus den Weiten Asiens nach Europa eingewandert waren, denn Sándors Familie gehörte einer ungarischen Minderheit an, den Szeklern. Die Szekler verstanden sich als Nachfahren der Hunnen, die im 5. Jahrhundert ein kurzlebiges Reich auf dem Gebiet des heutigen Ungarn errichtet hatten.

In Siebenbürgen war es nichts ungewöhnliches, wenn man mehrere Sprachen beherrschte, denn neben Ungarn lebten hier auch Rumänen und Deutsche. Da Sándor eine Begabung für Sprachen zeigte, ermöglichten ihm seine Eltern eine gute Schulbildung und schickten ihn aufs Collegium in Nagyenyed (Straßburg am Mieresch). Dort erlernte er die drei klassischen Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein, dazu Rumänisch, Deutsch, Französisch und Türkisch. Darüber hinaus machte man ihn mit einer Vielfalt an Theorien zur Herkunft der ungarischen Sprache bekannt, die alle noch nicht bewiesen waren. Gemeinsam mit zwei Mitschülern legt er einen Eid ab, nicht eher zu ruhen, als bis er die Heimat des Ur-Ungarn ausfindig gemacht hatte.

Sándor besuchte das Collegium in Nagyenyed vom 15. bis zum 31. Lebensjahr, er kam als Schüler und ging als Lehrer. Er verließ die Einrichtung nur, um an der Universität in Göttingen weiter zu studieren. In Göttingen vertiefte er seine Kenntnisse in Geschichte und Geographie und lernte zusätzlich Englisch, Spanisch, Italienisch, Arabisch und Serbokroatisch. Als er am 19. November 1819 seine Entdeckerreise antrat, beherrschte er bereits dreizehn Sprachen und fünf Alphabete.

Auf der Suche nach dem Ur-Ungarn legte Sándor seinerseits den ungarischen Namen ab und nannte sich fortan nur noch Alexander Csoma de Körös. Im Nahen Osten gab er sich zeitweise als Armenier aus und nannte sich Skander Beg („Sir Alexander“). Er wollte als christlicher Orientale durchgehen und nicht als exotischer Europäer auffallen. So gelangte er ins anvisierte Buchara in Usbekistan.

Da ihn die Sprache der Usbeken in keinster Weise an seine Muttersprache erinnerte, zog er enttäuscht weiter. Nun wollte er ins Land der Uiguren am östlichsten Zipfel Chinas. Seine Überlegung lautete, da die Worte „Uigurisch“ und „Ungarisch“ lautmalerisch so ähnlich klangen, waren die beiden Sprachen vielleicht auch verwandt. Doch China war streng abgeriegelt und ließ keine Ausländer ins Land.

Da setzte ihm ein britischer Regierungsbeauftragter einen neuen Floh ins Ohr. Ein Mensch mit dieser Sprachbegabung müsse unbedingt Tibetisch lernen. Tibetisch sei eine geheimnisvolle, dem Westen völlig unbekannte Sprache, die viele Werke habe, die einer Übersetzung harrten. Die Literaturwissenschaften wären ihm zu ewigem Dank verpflichtet. Vielleicht ließe sich dabei auch etwas über die Herkunft der Ungarn erfahren. Csoma akzeptierte den Auftrag, für die britische Regierung ein Wörterbuch zu erstellen.

Da auch Tibet für Ausländer unzugänglich war, reiste Alexander Csoma in das angrenzende Dorfkönigreich Zanskar im Hindukusch. Ganze sechzehn Monate verbrachte Csoma bei Buttertee, Blutsuppe und Gerstenmehl in einer ungeheizten Mönchszelle und erlernte durch das Studium religiöser Texte und mithilfe des buddhistischen Abtes Sangye Phuntsog die tibetische Sprache. Die Verständigungssprache zwischen Schüler und Lehrer wiederum war Persisch. Beste Bedingungen also.

Über drei Jahre hatte Csoma unter kärgsten Umständen die tibetische Sprache studiert, als er 1834 endlich seine wissenschaftlich gehaltene Grammatik „A grammar of the Tibetan language“ und das erste tibetische Wörterbuch „Essay towards a dictionary Tibetan and English“ veröffentlichen konnte. Nun hatte er seinen Auftrag gegenüber den Briten erfüllt und wurde nebenbei Begründer einer neuen wissenschaftlichen Disziplin, der Tibetologie. Aber seinem eigentlichen Ziel war er nicht näher gekommen.

Als Fachmann für tibetische Sprache und Literatur hoffte er, in der Bibliothek des Dalai Lama in Lhasa zur Ursprungsheimat der Ungarn fündig zu werden. Also begab sich der fast 58jährige wieder auf eine beschwerliche Reise. Doch diesmal beendete eine kleine Mücke das Vorhaben des Beharrlichen. Alexander Csoma aus Siebenbürgen erkrankte am Fuße des Himalaja an Malaria und starb kurz darauf.

~
Lesetipp: Der Amerikaner Edward Fox verfasste 2001 die schmale Csoma-Biographie „The Hungarian Who Walked To Heaven“. Im Wagenbach-Verlag ist mit „Der Mann, der zum Himmel ging“ eine deutsche Übersetzung erschienen.

Advertisements

Über andileser

Ich bin außer mir.
Dieser Beitrag wurde unter Alexquisit abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu → Sandor Csoma alias Alexander Csoma de Kőrös

  1. arnoldnuremberg schreibt:

    köszönet. Danke für den Hinweis auf diese Sprachbegabung und den Forschungsgeist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s