→ Alexander Petrovics alias Sandor Petőfi

Petőfi Sandor auf einer ungarischen Banknote von 1932.

Obwohl von slawischer Herkunft, gilt Sándor Petőfi als Ungarns Nationaldichter. Jeder Ungar kennt seine Verse und jedes Kind seine Märchen. Sein „Nationallied“ beflügelte die Revolutionäre von 1848 und sein Poem „János Vitéz“ sogar den ungarischen Zeichentrickfilm.

Alexander Petrovics
Künstlername: Sándor Petőfi
* 1. Januar 1823 in Kiskőrös, Ungarn
† 31. Juli 1849 bei Segesvár/Sighișoara/Schäßburg an der Großen Kokel

Jede Nation kann mit einem Dichter aufwarten, der für die jeweilige Sprache Identitätsstiftendes leistete. England hat Shakespeare, Deutschland pocht auf Goethe und Russland schwört auf Puschkin. Ungarns Goethe heißt Sándor Petőfi. Fast jeder Ungar kann einen seiner Verse aus dem Stehgreif aufsagen, beinahe jeder Ort Pannoniens hat eine Petőfi-Straße.

Eigentlich war Sándor Petőfi weder Ungar, noch hieß er so. Der an einem Neujahrstag als Alexander Petrovics in Mittelungarn zur Welt Gekommene war der Sohn eines serbischen Metzgers und einer slowakischen Wäscherin – ein Hinweis auf das Vielvölkergemisch, das in der habsburgischen Donaumonarchie zusammengefasst war. Sándor (sprich: Schandor) ist die ungarische Form von Alexander.

Schon früh zeigte sich Sándors Begabung, aber auch sein Freiheitsdrang. Statt die Schule zu beenden, wollte er sich einer Schauspieltruppe anschließen. Doch er hatte die Rechnung ohne den Vater gemacht, der hart hatte arbeiten müssen, um das Schulgeld aufzubringen. Die „väterlichen Ratschläge, die auf meinem Rücken und an anderen Körperteilen noch Wochen nachher sichtbar waren, haben mich tatsächlich von meinem gottlosen Vorhaben überzeugt.“ Doch die Argumente des Vaters wirkten nur kurze Zeit, zu tief saß der Wunsch, ein Künstlerleben führen zu wollen.

MEINES VATERS HANDWERK (1845)

Dir Vater wär es lieb und recht,
Dass ich dein Metzgerhandwerk treibe;
Ich weiß, du meinst’s mit mir nicht schlecht –
Doch bleib ich Dichter, und ich schreibe.

Wir fördern beide unser Heil,
Auf andre Art nur treibt es jeder.
Die Ochsen schlägst du mit dem Beil,
Ich schlage sie mit meiner Feder.

Von äußerster Not gedrungen, wie er sagte, diente er zwei Jahre als Soldat in der österreichischen Armee. Seine Abneigung gegen jede Unterordnung führte zur Entlassung. Stattdessen wurde er Schauspieler, Dichter und Freiheitskämpfer. Seinen slawischen Familiennamen Petrovič („Sohn des Peter“) änderte er in Petőfi, denn Alexander Petrovics dachte und fühlte als Ungar, und auch seine Gedichte, die er spontan, im Stehen und Gehen schrieb, waren auf Ungarisch. Im Revolutionsjahr 1848 stellte sich Sándor Petőfi sogar an die Spitze eines Demonstrationszuges und einte die Massen mit einem selbst verfassten Nationallied: „Auf, die Heimat ruft, Magyaren! Zeit ist’s, euch zum Kampf zu scharen! Wollt ihr frei sein oder Knechte? Wählt! Es geht um Ehr und Rechte!“

Selbst auf Deutsch verfasster Lebenslauf: „Alexander Petöfi, geboren von armen Eltern den 1-ten Januar 1823, in der Mitte der großen Ebene unter dem Gebirge Matra, zwischen der Theis und der Donau. — Außerordentliche Abneigung gegen jede Subordination. Darum entlief ich von der Schule mehrmals und 1839 gänzlich. Eine Zeitlang irrte er umher. Von der äußersten Noth gedrungen wurde er noch etliche Monathe Soldat…“

Am Ende ließ er sein Leben auf dem Schlachtfeld für die Freiheit der Ungarn, seine Leiche wurde allerdings nie gefunden. Trotz seines viel zu frühen Todes im zarten Alter von 26 Jahren hat dieser Frühvollendete ein umfangreiches Werk hinterlassen. Sein Œuvre umfasst 850 Gedichte, neun Versepen, ein Drama und sogar einen Roman. Petőfi sang und dichtete stets und ständig. Wie ein Seismograph zeichnete er fortlaufend seine Empfindungen auf und sprach dabei seinem Volk aus dem Herzen. Alles, was ihn bewegte, wurde Text, ob es nun die Liebe, das Elternhaus oder die Freiheit des Vaterlandes waren. Das macht seine Dichtkunst so vielschichtig.

Von Petőfi stammt der sympathische Aphorismus „Jungverheiratete haben viel zu tun“ ebenso wie die patriotische Warnung „Verflucht sei, wer des Volkes Fahne mit schnöder Hand wegwerfen kann!“ Je nach Couleur bedient man sich seiner Zeilen. Sein erstes abgedrucktes Gedicht hieß übrigens „Der Zecher“ (1842), ein Trinklied. Bei seinen Landsleuten bekannter ist jedoch sein Herbstgedicht „Septemberausklang“ (1847).

Viele erinnern sich an sein Poem „János Vitéz“ (Janos, der Held), das jedes ungarische Kind dank des gleichnamigen Trickfilms kennt. Anlässlich des 150. Geburtstages des Nationaldichters im Jahr 1973 gab die sozialistische Regierung einen abendfüllenden Zeichentrickfilm in Auftrag, den ersten aus ungarischer Produktion. Aus Gründen des Zeitgeistes orientierte man sich in Stil und Optik ausgerechnet an „Yellow Submarine“, dem gezeichneten Unterwasserabenteuer der Beatles. Nach 22 Monaten war das psychedelische Meisterwerk fertig und kam als „Johnny Corncob“ auch in ausländische Kinos. Das beauftragte Pannonia Filmstudio sollte hernach das Vorabendprogramm der DDR mit wertvollen Trickfilmen („Adolars phantastische Abenteuer“, „Wasserspinne – Wunderspinne“, „Vuk der Fuchs“) bereichern, mit „Meister Eder und sein Pumuckl“ gelangte es aber auch in westdeutsche Kinderzimmer.

AN DIE NACHAHMER (1844)

Ja glaubt ihr denn, die Dichtkunst sei ein Wagen,
Der träge schleicht auf breiter Landchaussee?
Ein Adler ist sie, sich in Freiheit schwingend
Empor in vorher nie erreichte Höh.

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Über andileser

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