→ Alexander Skrjabin: Die Welt ist Klang

Robert Sterl: Klavierkonzert mit Alexander Skrjabin unter Leitung seines Mäzens Sergej Kussewitzky (1910)

Der russische Pianist Alexander Skrjabin wollte die ganze Menschheit mit einem Gesamtkunstwerk in höhere Bewusstseinsebenen orgeln. Seinen Gönnern galt er als exzentrischer Dandy, seine Gegner hielten ihn für völlig verrückt. Der selbsternannte Messias starb vor der Umsetzung seiner größenwahnsinnigen Pläne an einem entzündeten Pickel.

Александр Николаевич Скрябин
Aleksandr Nikolajewitsch Skriabin
* 25. Dezember 1871 / 6. Januar 1872 in Moskau
† 14./27. April 1915 in Moskau

In gewisser Weise sind wir alle Synästheten; wir schreiben rote Zahlen und sehen schwarz. Synästhesie nennt man das Zusammenfallen zweier oder mehrerer Sinneseindrücke. Farben erscheinen warm oder kalt, Worte haben einen Geschmack und Zahlen werden farbig empfunden. Die Maler Wassily Kandinsky und David Hockney gelten als bekannte Synästhetiker. Ein Synästhet par excellence aber war der Pianist Alexander Skrjabin, denn bei ihm verbanden sich Töne mit Farben und Farben mit Tönen.

Skrjabin begann seine Karriere als typischer Chopin-Epigone. Gefühlsgeklimper auf dem Klavier. Doch mit zunehmendem Alter wollte er seine synästhetischen Empfindungen auch seiner Mitwelt zugänglich machen. Hierzu entwickelte er eine völlig neue Harmonik. In seine Tondichtung „Prometheus“ (1908) schrieb Skrjabin eine Partitur für ein „Farbenklavier“, bei der jedem Ton eine Farbe zugeordnet ist. Die Partitur ist sogar zweistimmig notiert, so dass die Farben gemischt werden können. Der befreundete Fotograf Alexander Moser baute mit den begrenzten technischen Möglichkeiten seiner Zeit ein erstes „Lichtklavier“. Für die Uraufführung in der Carnegie Hall baute die Firma General Electric sogar eine eigene „Lichtorgel“. Der Komponist Sergej Prokofjew und der Schriftsteller Boris Pasternak wurden Fans. Die Idee ist so zukunftsträchtig, dass sie sogar 60 Jahre später noch von Jimi Hendrix als Innovation gefeiert wird:

„At the Saville Theatre I had this gadget on the guitar that every time I hit a certain note the lights would go up. I would like to someday play a note and have it come out as a color with lights and film. That’ll be the total experience!“

 
Alexander Skrjabin – typisch für verarmten Adel – fühlte sich zu Höherem berufen. Er lernte Sanskrit, betrieb Yoga und beschäftigte sich mit den Ismen der Epoche, als da wären Buddhismus, Okkultismus, Symbolismus und Marxismus. Nun wollte er ein Gesamtkunstwerk erschaffen, das alle Sinne anspricht, noch dazu die Sinne aller Menschen, und das gleichzeitig. In einem eigens dafür erbauten Musentempel im Himalaja wollte der Skrjabiner ein „Mysterium“ aufführen und dabei die gesamte Menschheit mit einem Schlag in eine höhere Bewusstseinsebene orgeln. Die alte Welt würde dabei mit Ach und Krach untergehen. Der Skrjabiner sah sich als Erlöser der Menschheit, als Messias. Schließlich war er am orthodoxen Weihnachttag zur Welt gekommen!

Skrjabins Mutter litt an Tuberkulose und war kurz nach seiner Geburt verstorben. Noch fünf Tage vor der Niederkunft hatte die begabte Pianistin konzertiert. Die Erziehung der Halbwaise übernahm die kinderlose Tante, die ihn mit Zuneigung überhäufte und wie eine Glucke betreute. Ihre dominante Position übernahmen später der Mäzen Mitrofan Beljajew und der Dirigent Sergej Kussewitzky.

Skrjabin arbeitete wie verrückt an seinem Gesamtkunstwerk „Mysterium“. In seinen Tagebüchern findet sich eine Skizze, die einen indischen Tempel als eine in Wasser getauchte Kugel mit zwölf Toren zeigt und von Rauch und Feuer umgeben ist. Doch dann überraschte ihn der Ausbruch des ersten Weltkriegs 1914. Skrjabin befürchtete ernsthaft, der Weltuntergang könne anders zustande kommen, als durch sein Werk. Skrjabin beruhigte sich mit der Aussicht, dass der Weltkrieg nur das Präludium sei, das zwangsläufig auf sein „Mysterium“ hinauslaufe.

Aber die Welt war noch nicht reif für seinen Erlösungsgedanken. Der Größenwahnsinnige bekam an der Lippe einen kleinen Pickel, der sich entzündete und zu einer Blutvergiftung führte. Immerhin starb der selbsternannte Messias in der Osterwoche.

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SWR2 Musikstunde: Alexander Skrjabin zum 100. Todestag – „Ich bin eine Grenze, ein Gipfel, ich bin Gott…“, Radiofeature mit vier Download-Manuskripten (pdf).

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Ich bin außer mir.
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