→ Alexander Bedward: Wach auf, der du schläfst

Das steinerne Gotteshaus, vor dem Bedward hier posiert, ist heute Ruine.

Alexander Bedward war ein selbsternannter jamaikanischer Prophet. Seine Religion hieß Bedwardismus, eine Mischung aus christlicher Erweckungsbewegung und früher Black Power. Der Bedwardism wurde zum Vorläufer der Rastafari-Bewegung.

Jamaikanisch (Patois): Aligzanda Bedwad
* 1848 in Saint Andrew Parish, Jamaika
† 8. November 1930 auf Jamaika

Viele zehntausend Menschen waren am Silvestertag des Jahres 1920 zusammengekommen, um an den Ufern des Hope River in Kingston, Jamaika auf ein Wunder zu warten. Entweder würde der schwarze Prophet Alexander Bedward mit einem hölzernen Thron in den Himmel auffahren oder etwas anderes würde passieren. Das Wunder ließ sich Zeit und es passierte etwas anderes. Um 10 Uhr verstrich der offenbarte Termin, um 15 Uhr folgte der zweite Aufruf und um 22 Uhr die letzte Chance. Der Flug war gestrichen. Enttäuscht kletterte der Prophet von seinem Baum herunter und brach sich zu allem Überfluss ein Bein. Gott hatte ihn verlassen, und mit ihm alle guten Geister.

Jamaikas Kolonialregierung hatte nur auf diese Gelegenheit gewartet. Sie hielt den Erweckungsprediger seit langem für einen verrückten Aufwiegler und steckte ihn in eine Nervenheilanstalt. Schon einmal, 1895, hatte die britische Administration ihn in ein Irrenhaus eingewiesen, doch dank eines pfiffigen Anwalts war Bedward nach wenigen Wochen wieder freigekommen. Diesmal aber blieb er hinter verschlossenen Türen.

Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen. In seinen Zwanzigern half Alexander Bedward beim Bau des Panama-Kanals und erlebte die schreiende Ungerechtigkeit bei der Bezahlung von schwarzen und weißen Bauarbeitern. Für die gleiche Arbeit bekamen schwarze Arbeiter weniger als die weißen. Da vernahm er Gottes Stimme, die ihm auftrug, sich fortan gegen die ungerechte Behandlung seiner schwarzen Brüder und Schwestern zu wehren.

Das steinerne Gotteshaus, vor dem Bedward hier posiert, ist heute Ruine.

Alexander Bedward kehrte nach Jamaika zurück, ließ sich taufen und wurde Priester der Jamaica Native Baptist Free Church, einer Erweckungskirche. Wie bei Baptisten üblich, wurden neue Kirchenmitglieder in Flusswasser getauft. Dabei wurden auch seelische Verletzungen und körperliche Gebrechen geheilt. Bedward taufte, erweckte und heilte, was das Zeug hielt. Als die Baptisten-Freikirche eine fünfstellige Anzahl an Mitgliedern auf Jamaika und in Panama aufwies, konnte sich die Gemeinde sogar einen steinernen Kirchenneubau leisten.

Von der Kanzel verkündete Bedward seine eigene Interpretation der Bibel, den Bedwardism. Der weiße Mann sei der Anti-Christ, die schwarze Bevölkerung hingegen repräsentiere das auserwählte Volk Gottes, und Kingstons Stadtteil August Town korrespondiere in auffälliger Weise mit Jerusalem. Dazu bemühte er Joel 2:29: „Sogar über Sklaven und Sklavinnen werde ich in jenen Tagen meinen Geist ausgießen.“ Das hörten die Nachfahren der ehemaligen Sklaven natürlich gern, die weiße Herrschschaft war weniger begeistert.

Alexander Bedward war nicht der einzige, der schwarzen Jamaikanern Mut machte, um sie aus der Position der Unterdrückten und Unterlegenen herauszuholen. Neben ihm missionierte Dr. Robert Love aktiv von den Bahamas auf Jamaika. Statt auf religiösen Rassismus setzte Robert Love auf Bildung, Ausbildung und Teilhabe an politischen Strukturen – Bedwardism versus Lovism. Der Gegensatz von Bedward und Love war der übliche Gegensatz zwischen Radikalen und Gemäßigten, wie wir ihn in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung schon bei W.E.B. Du Bois und Booker T. Washington oder Malcolm X und Martin Luther King finden.

Nach der Jahrhundertwende geriet Bedward ins Fahrwasser seines Landsmannes Marcus Mosiah Garvey. Der Panafrikanist glaubte nicht an ein friedliches Zusammenleben der Hautfarben und wollte deshalb alle Schwarzen zurück nach Afrika verfrachten, in die neue alte Heimat, das „Gelobte Land Zion“. Hierzu gründete Garvey die Schifffahrtslinie Black Star Line.

In Anlehnung an Aaron und Moses sah sich Alexander Bedward nun als der Prophet eines schwarzen Messias. Er könne die schwarze Bevölkerung zwar nicht von ihrem Leid erlösen, er wisse aber, wer das in naher Zukunft tun werde und verwies auf Marcus Garvey.

Eines Tages behauptete Bedward, die Zeit sei reif und seine Anhänger könnten selbst nach Afrika fliegen, wenn sie von einem nahen Brotfruchtbaum starteten. Vorher müssten sie nur all ihren Besitz verkaufen. (Spitzfindige meinten hinterher, er habe gesagt „sell your sinns“ anstatt „sell your things“.) Das Ergebnis ist bekannt: der Prophet brach sich bei seiner Himmelfahrt ein Bein und landete in der Klapsmühle, wo er starb. Nach seinem Tod wechselten seine Anhänger zu Marcus Garvey oder wurden gleich hanfrauchende Rastafaris. Auf seinem Grabstein steht:

In Loving and Never
Fading Memory of
ALEXANDER BEDWARD
Who Departed This Life
8th Nov. 1930
Aged 82 Years.
His Father Called Him Home, It Was His Will
But Within Our Hearts He Liveth Still.

Heutzutage betrachtet das offizielle Jamaika den Erweckungsprediger von einst durchaus differenzierter, wobei die positiven Seiten betont werden. Bedward sei ein spiritueller und politischer Führer gewesen, der gegen Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Kolonialismus gekämpft habe. Seit dem 1. August 2015 erinnert eine offizielle Tafel an Alexander Bedwards Wirken in August Town; sie wurde im Beisein des Reggae- und Dancehall-Sängers Sizzla (selbst eine ambivalente Persönlichkeit) enthüllt. Auch in das jamaikanische Liedgut hat der charismatische Prediger Eingang gefunden: „Dip dem, Bedward, dip dem / Dip dem in the healing stream! Dip dem deep, but not too deep, dip dem fi cure bad feeling.“

Über andileser

Ich bin außer mir.
Dieser Beitrag wurde unter Alexquisit abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s