→ Alexander Ettenburg statt Bettenburg

Hiddensee-Impression von 2016 (Anklicken zum Ankieken)

Alexander Ettenburg war Gastwirt, Theatermacher und selbsterklärter Einsiedler auf Hiddensee. Mit Inseraten, Gedichten und einem Reiseführer sorgte der Sonderling für Aufmerksamkeit und kurbelte am Inseltourismus. Er selbst sagte: „Hiddensee und Alexander Ettenburg – diese Namen klingen zusammen wie ein Vollakkord.“

Alexander Friedrich Otto Eggers
* 28. Februar 1858 in Gugelwits/Schlesien
† 30. Oktober 1919 in Stralsund

Im 19. Jahrhundert riefen der Bau neuer Fabriken und das rapide Anwachsen der Städte eine Gegenbewegung auf den Plan, die Lebensreformer. Lohnarbeit, Massenquartiere und Industrienahrung machten krank, die Lebensreformer hingegen wollten das gesunde, ursprüngliche und durch Kunst erhöhte Leben im Einklang mit Natur und Kosmos. Dazu musste das Dasein von Grund auf reformiert werden.

Nur über die Details war man sich uneins. Die Reformbewegung bestand aus sehr eigenwilligen und willensstarken Persönlichkeiten, darunter Vegetarier, Antialkoholiker, Nacktbader und Wandervögel, Theosophen, Barfüßler, Rohköstler, Fruktarier, Gesundbeter, Rassisten, Buddhisten und und und. Aus den Städten kommend schwärmten die Kohlrabiapostel auf Jesus-Latschen durch die Lande und suchten Arkadien.

Einer dieser Sonderlinge war Alexander Ettenburg. Der Sohn eines Großgrundbesitzers stammte aus dem schlesischen Gugelwits (kein Scherz) und hieß eigentlich Alexander Eggers. Nach dem Willen des Vaters sollte der schmächtige, asthmatische Sohn Gutsverwalter werden, doch Alexander Eggers entschied sich „nach harten Kämpfen mit der Familie“ für die Schauspielerei, ging nach Berlin und transformierte zu Alexander Ettenburg.

Als Ettenburg im Dreikaiserjahr, gerade 30jährig, das kleine Eiland Hiddensee betrat, hatte er sein Arkadien gefunden. Seine damalige Ehefrau, die Malerin Marie Magdalinski, hatte ihm von Hiddensee erzählt. Das schmale Eiland in der Ostsee erlebte gerade große Neuerungen. Auf dem Dornbusch im Norden errichtete man einen Leuchtturm und der Inselort Kloster bekam einen modernen Hafen mit Seenotrettungsstation, so dass nun regelmäßig Dampfer zwischen Stralsund und Kloster verkehren konnten.

Alexander Ettenburg pachtete auf dem Dornbusch ein Grundstück, eröffnete die „Bergwaldschänke“ und schlüpfte in die Rolle seines Lebens. Der ausgebildete Schauspieler transformierte zum „Einsiedler von Hiddensee“. Ettenburg statt Bettenburg. In selbst entworfener Mönchskutte oder nachempfundener Inseltracht wandelte der Einsiedler barfuß auf den Sandwegen und schüttelte Reime wie diesen aus dem Ärmel:

 

„Hiddensee, vom blauen Meer umflossen,
welch Zauber liegt dort ausgegossen.
Immer wieder komm‘ vom fernen Land
sehnsuchtsvoll ich her an deinen Strand.“

 

Die Inselbewohner hielten ihn natürlich für einen Spinner, der örtliche Amtsvorsteher überzog ihn gar mit Klagen. Für die zahlreicher kommenden Tagesgäste war der Schankwirt hingegen eine wundersame Erscheinung. Mit Gedichten, Schriften, Annoncen und auf Vortragsreisen machte Ettenburg „dat söte Länneken“ weithin bekannt. Auch veränderte er lokale Toponyme, denn die Svantevit-Schlucht kam erst dank seines Hiddensee-Dramas „Svantevits Fall“ zu ihrem Namen.

Einen ersten Reiseführer schrieb er 1905, eine Fortsetzung 1912, im Selbstverlag für eine Mark: „Die Insel Hiddensee – Das Ostseebad der Zukunft“. In einer abenteuerlichen Mischung aus Autobiografie und Inselgeografie beschreibt er mal sich und mal das schmale Eiland. Auch als gewiefter Marketing-Experte gibt er sich zu erkennen: „Der Verfasser bittet das geehrte Reisepublikum, in den Gasthäusern sich auf dies Buch und seine Person zu berufen. Man bittet um freundliche Weitergabe des Werkchens an den Freundes- und Bekanntenkreis.“

Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges blieben die zahlungskräftigen Saisongäste langsam aus und Ettenburg geriet in Existenznot. Es heißt, „er verfiel dem Trunke“ und starb verarmt in einem Stralsunder Krankenhaus. Sein Wunsch, auf dem Inselfriedhof beigesetzt zu werden, ging nicht in Erfüllung. Die Urne mit seiner Asche verschwand auf geheimnisvolle Weise auf dem Postweg nach Hiddensee.

 

„Ich danke dir, waldumrauschte Höh,
Für schwere – für freudvolle Stunden!
Ich suchte dich dort, Hiddensee,
und habe – mich gefunden!“

 

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Über andileser

Ich bin außer mir.
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