→ Alex Rosner: Gemischte Gefühle

Der Holocaust-Überlebende Alex Rosner bastelte den ersten DJ-Mixer. „Rosie“ – wie das Mixgerät bald hieß – ermöglichte den DJs einen nahtlosen Übergang zwischen zwei Klangquellen, vorzugsweise zwei Plattenspielern.

* 1935 in Krakau, Polen

Es gehört zu den Schattenseiten des demokratischen Zusammenlebens, dass man auch mit Menschen auskommen muss, deren Ansichten und Verhalten man nicht gutheißen kann, ja die einem teilweise sogar lebensgefährlich werden können. Wie viel besser wäre es da, würde sich das Universum mit jeder existenziellen Grundsatzentscheidung in separate Multiversen aufspalten. Dann könnten Neonazis und Altkommunisten in ihren kollektivistischen Ameisenstaaten leben und wir in freien Republiken. Aber das Leben ist kein Wunschbriefkasten, und so profitieren selbst Rassisten und Antisemiten von Erfindungen aus der schwarzen und jüdischen Community. Sichtbarstes Beispiel ist die Jeans von Levi Strauss. Sol lucet omnibus – die Sonne scheint für alle, ausnahmslos. In Zeiten von Rechtsruck und populistischen Relativierungen erscheint es darum wichtiger denn je, an Menschen zu erinnern, die einst von rechten Rassisten in ihrer Existenz bedroht wurden.

Die Partykultur der letzten 50 Jahre ist unvorstellbar ohne die entsprechende Partymusik, die scheinbar ununterbrochen aus den Boxen schallt. Für einen professionellen Übergang ist allerdings ein DJ-Mixer vonnöten. Mit dem Mixgerät kann der Diskjockey den vorangegangenen Track aus- und den nachfolgenden Titel einblenden. Im Hip-Hop und später in Techno und House wurden die Tracks sogar soweit ineinander gemixt, dass nicht mehr klar zu erkennen war, was wo welcher Titel ist. Der DJ wurde plötzlich selbst zum Musiker und alles ohne ein herkömmliches Instrument.

Der Prototyp des DJ-Mixers geht auf den Elektroingenieur Alex Rosner zurück. Rosner war der Inhaber der New Yorker Firma „Rosner Custom Sound Inc.“, die ab 1967 die gerade im Entstehen begriffenen Clubs und Diskotheken der Metropole mit maßgeschneiderten Musikanlagen versorgte. Durch diese Tätigkeit kam Rosner mit der jungen Szene und deren DJs in Kontakt. So befreundete er sich mit David Mancuso, dem Begründer der After-Hour-Party im legendären Loft.

Auf Wunsch von Francis Grasso, Resident-DJ im New Yorker Club „The Haven“, konstruierte Alex Rosner 1971 den ersten DJ-Mixer. Die rotlackierte Einheit mit dem Spitznamen „Rosie“ verfügte über zwei bis drei Schieberegler, zwei Eingänge für Phono-Signale, einen Tape-Input sowie eine Cue-Sektion. Grasso versetzte sein Publikum mächtig in Erstaunen, als er beispielsweise Chicagos „I’m a Man“ mit Led Zeppelins „Whole Lotta Love“ ineinander mixte. Warum Alex Rosner seine „Rosie“ nicht zum Patent anmeldete und in Serie produzierte, ist mir schleierhaft. Den Reibach machten kurz darauf andere Hersteller. Es ist bezeichnend, dass das DJ-Mixgerät ausgerechnet im Schmelztiegel von New York erfunden wurde, wo Menschen aus allen Kontinenten eine neue Heimat gefunden haben.

Dass Alex Rosner überhaupt soweit kam, verdankt er der Musik. Er selbst sagte einmal: „Music saved my life.“ Damit haben wir eine Parallele zur Biografie des polnischen Pianisten Władysław Szpilman, dessen Leben Roman Polanski 2002 in die Kinos brachte.

Alex Rosner ist der Sohn des Geigers Henry Rosner und dessen Frau Manci, Tochter eines Wiener Kaffeehausbesitzers. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen mussten die Rosners aufgrund der antisemitischen Gesetze der Nationalsozialisten zuerst ins Krakauer Ghetto und dann ins Zwangsarbeitslager Plaszow. Auf den Empfängen des Lagerleiters Amon Göth musste Henry Rosner mit seiner Geige aufspielen, wobei er immerhin den Industriellen Oskar Schindler kennenlernte. Im Oktober 1944 landeten die Rosners auf Schindlers berühmter Liste, was ihr Überleben aber nur kurzzeitig sichern half.

Der kleine Alex war zu jung zur Zwangsarbeit und wurde darum ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau verlegt. Der Vater begleitet ihn aus eigener Entscheidung. Auch in Birkenau spielt Henry Rosner Geige. Eine wohlmeinende Aufseherin schenkte Alex ein Akkordeon, damit Vater und Sohn gemeinsam musizieren konnten. Damit rettete sie dem Neunjährigen mit der eintätowierten Nummer B14440 das Leben. Das Akkordeon der Marke „Traviata“ gehört heute zum Bestand des United States Holocaust Memorial Museum in Washington.

Wegen der vorrückenden Roten Armee wurden die Lagerinsassen Anfang ’45 nach Dachau deportiert. Am 29. April 1945 war der Krieg dank der US-Armee dann auch für die Rosners zu Ende. Die GIs brachten dem kleinen Alex nicht nur die Freiheit, sondern machten ihn auch mit einer neuartigen Musik bekannt: Big-Band-Jazz: „Als ich das hörte, war es, als ob Engel singen.“

Im Frühjahr 1946 wanderten die Rosners ins Land ihrer Befreier aus und ließen sich im New Yorker Stadtteil Queens nieder, wo Alex Rosner noch heute lebt. In den Vereinigten Staaten lernte der Junge dann endlich auch lesen, schreiben und rechnen. Als Jugendlicher erlebte er die Erfindung der Langspielplatte. Für den musikinteressierten Rosner stand fortan fest, was er studieren wollte: Elektrotechnik, mit der Spezialisierung auf den neuen Hi-Fi-Sound. Alex Rosner wurde auf diese Weise – und ohne dass er davon wusste – zum Alchemisten. Seine traumatischen Kindheitserfahrungen verwandelte er in etwas, das Menschen Freude bereitet. Aus Scheiße machte er Gold und aus gemischten Gefühlen wurden Mixtapes.

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Über Alexander

Ich bin außer mir.
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