→ Alexander Uljanow: Lenins Bruder

Das Attentat auf Zar Alexander II. am 13. März 1881 in St. Petersburg. Gouache auf Papier, o.J. (gemeinfrei)

Im Jahr 2017 jährt sich die russische Oktoberrevolution zum 100. Mal. Wie schon bei der Februarrevolution von 1917 spielte auch im Oktober ein Alexander eine Rolle. Allerdings war dieser bereits seit 30 Jahren tot.

Александр Ильич Ульянов
Aleksandr Iljitsch Uljanow
* 12. April 1866 in Nischni Nowgorod
† 20. Mai 1887 in Schlüsselburg

Geschichte ist nichts anderes als die fortlaufende Neukombination von Fakten. Um einem Alexander beim Ablauf der Oktoberrevolution eine Rolle zuzuweisen, muss ich die „objektive“ Geschichtswissenschaft um eine psychoanalytische Nuance erweitern. (Der Historiker schüttelt den Kopf.)

Alexander Iljitsch Uljanow ist der Bruder von Wladimir Iljitsch Uljanow, uns besser bekannt unter seinem einprägsamen Kampf- und Decknamen Lenin. Die Uljanows gehörten dem Beamtenadel an und waren der russischen Masse gegenüber bessergestellt, was sich besonders am Bildungsgrad zeigte. Der Vater Ilja Uljanow war Schulinspektor und kalmückischer Abstammung; die Mutter Maria war die Tochter des jüdisch-deutschen Arztes Alexander Israel Blank.

Ebenso wie →Alexander Kerenski nach Alexander Adler, seinem Großvater mütterlicherseits, benannt worden war, so hieß auch Alexander Uljanow nach seinem Großvater mütterlicherseits. Alexander Blank war beizeiten zum orthodoxen Christentum übergetreten, denn Juden waren in dem Land, das den Begriff „Pogrom“ zum internationalen Wortschatz beisteuerte, häufigen Anfeindungen ausgesetzt.

Lenins Bruder, von allen nur Sascha gerufen, galt als kluger Kopf und ausgezeichneter Schüler. Besonders interessierten Sascha die naturwissenschaftlichen Fächer. Im Jahr 1883 schrieb er sich für ein Biologiestudium an der Universität von Sankt Petersburg ein. An der Uni kam er zwangsläufig mit anderen Studenten in Berührung, darunter auch studentische Verbindungen, die eine revolutionäre Veränderung Russlands anstrebten, notfalls mit Gewalt. Lenins Bruder schloss sich der revolutionären Gruppe Narodnaja Wolja („Volkswille“) an, die für die Absetzung des Zaren und die Einführung einer parlamentarischen Demokratie kämpfte. Jedoch vernachlässigte der Nachwuchsterrorist das Studium nicht und gewann 1886 sogar eine Goldmedaille für seine zoologischen Studien an Würmern. Sascha verpfändete sogleich die Goldmedaille, um Dynamit für ein Sprengstoffattentat auf →Zar Alexander III. aufzutreiben.

Der Attentäterkreis hatte sich den 1. März 1887 als symbolträchtiges Datum für einen Anschlag ausgesucht. Auf den Tag genau sechs Jahre zuvor war Alexander II., der Vater des regierenden Zaren, durch ein Attentat der Narodniki ums Leben gekommen. Doch der Plan scheiterte, die jugendlichen Nachahmer wurden durch Zufall von der Petersburger Polizei entdeckt. Die jungen Terroristen, zu denen neben Sascha Uljanow auch die Piłsudski-Brüder Bronisław und Józef – später Diktator von Polen – gehörten, wurden gefasst und vor ein Gericht gestellt. Leo Trotzki schreibt später in seinem Buch über den jungen Lenin: „In einem gewissen Sinne war der Gerichtsprozess ein Duell zwischen zwei Gestalten: Alexander Romanow und Alexander Uljanow.“

Vor Gericht übernahm Sascha die alleinige Verantwortung für die Tat. Warum er das tat, ist nicht klar. Zwei Monate darauf wurde er wegen Verschwörung und Beteiligung an einem Attentatsversuch gehenkt. Saschas Leben endete im Alter von 21 Jahren und zwei Monaten. Während der Wochen, in denen Alexander Iljitsch verhört und hingerichtet wurde, legte sein Bruder Wladimir Iljitsch parallel die Reifeprüfung ab. Die Schule stellte dem Absolventen das beste Jahrgangszeugnis aus. Lenin beendete die Schule im Alter von 17 Jahren und zwei Monaten.

Der frühe Tod des Bruders prägte Lenin derart, dass er Rache schwor und sein ganzes Leben der endgültigen Abschaffung des Zarenregimes widmete. Die bewerkstelligte er schließlich am 7. November 1917 mit der „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“. Im Juli 1918 wurde der bereits abgedankte Zar samt seiner Familie auf Lenins Befehl hin in einem Keller in Jekaterinburg nieder- und totgeschossen – über dreißig Jahre nach der Hinrichtung von Alexander Uljanow.

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Bildquelle: Wikipedia (gemeinfrei)

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Über Alexander

Ich bin außer mir.
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