→ Alexander Kerenski: Premierminister der Februarrevolution

Boris Kustodijew: Der Bolschewik

Boris Kustodijew: Der Bolschewik (1920) — Abbildung ähnlich


Im Jahr 2017 jährt sich die russische Oktoberrevolution zum 100. Mal. Vielen ist jedoch nicht klar, dass ihr eine Februarrevolution vorausging, in der die 300 Jahre alte Dynastie der Romanow-Zaren abgewickelt wurde. Alexander Kerenski war der einzige Ministerpräsident der nachfolgenden Russischen Republik.

Александр Фёдорович Керенский
Aleksandr Fjodorowitsch Kerenskij
* 22. April / 4. Mai 1881 in Simbirsk
† 11. Juni 1970 in New York

Alexander gibt es in Russland wie Sand am Strand oder Tannen in der Taiga. Da wundert es nicht, dass gleich mehrere Alexe an der revolutionären Regierungsumgestaltung von 1917 beteiligt waren. (Handelte es sich hierbei schon um die befürchtete Alexanderverschwörung?) Alexander Kerenski hieß der zentralste unter ihnen. Er blieb der einzige Regierungschef der Russischen Republik, die im Sommer 1917 ausgerufen wurde und als bürgerliches Übergangskonstrukt zwischen Zarenreich und Sowjetunion existierte.

Am 8. März 1917, nach dem alten julianischen Kalender am 23. Februar, rebellierten in Petrograd die Arbeiter und Arbeiterinnen. Russland steckte tief im Ersten Weltkrieg, das Brot war knapp geworden und die Bevölkerung dementsprechend schlecht gelaunt. Aus dem Ruf „Her mit dem Brot!“ wurde schnell die Forderung „Nieder mit dem Zaren!“ Die Revolte der Hauptstadtbewohner geriet zur Revolution und kippte innert einer Woche die unantastbar scheinende Zarenherrschaft.

Am 13. März bildete die Staatsduma, das russische Parlament, eine „Provisorische Regierung“. Auf ihr Drängen hin verzichtete Zar Nikolaus II. am 15. März auf den Thron. Doch damit war der Fall noch lange nicht erledigt. Die revolutionäre Bewegung war in mindestens zwei gegensätzliche Flügel zerstritten. Der sozial-liberalen Übergangsregierung standen in der Fläche zahlreiche proletarische Arbeiter- und Soldatenräte, sogenannte Sowjets, gegenüber. In dieser aufgeladenen Stimmung wurde Alexander Kerenski Premierminister.

Februar-Revolutionär Alexander Kerenski vor einer Russlandkarte (Anklicken zum Ankieken)

Alexander Fjodorowitsch Kerenski wurde ebenso wie der zehn Jahre ältere Lenin in der Wolgastadt Simbirsk geboren. Kerenski war nach Alexander Adler benannt, seinem Großvater mütterlicherseits. Kerenskis Vater war Leiter des städtischen Gymnasiums und unterrichtete zeitweise auch den jungen Wladimir Uljanow, genannt Lenin. Auch die Väter von Lenin und Kerenski kannten sich.

Alexander Kerenski studierte in St. Petersburg zuerst Geschichte und Philosophie und anschließend Rechtswissenschaften. Nach dem Abschluss des Studiums wurde der vielseits gebildete Mann in die Anwaltskammer aufgenommen. Kerenski erlangte als Jurist in überwiegend politischen Prozessen einige Bekanntheit. Sein politisches Engagement resultierte auch aus einem persönlichen Erlebnis heraus, denn er war nach der gescheiterten Revolution von 1905 verhaftet worden. Im Jahr 1912 wurde er Parlamentsabgeordneter der sozialdemokratischen Bauernpartei der Trudowiki. Nach der Absetzung des Zaren rutschte der zu den Sozialrevolutionären gewechselte Kerenski zuerst auf den Posten des Justiz- und dann des Verteidigungsministers. Am 21. Juli 1917 machte man ihn sogar zum provisorischen Chef der provisorischen Regierung.

Russland war zu diesem Zeitpunkt nicht nur von inneren Unruhen gebeutelt, sondern steckte noch dazu in einem aussichtslosen Weltkrieg. Noch als Kriegs- und Marineminister startete Alexander im Sommer 1917 die ebenso aussichtslose Kerenski-Offensive gegen die Mittelmächte. Dazu gehörten das Deutsche Kaiserreich, die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, das Osmanische Reich und das Bulgarische Zarenreich. Die Offensive scheiterte, auch wenn alle vier Kaiserreiche ebenso wie das russische Zarenreich mit dem Ende des Ersten Weltkrieges untergehen sollten. Alexander Kerenski und seine „Provisorische Regierung“ waren insgesamt wenig erfolgreich. Das System war so marode wie ein wurmstichiger Kaninchenstall.

Die zermürbende Doppelherrschaft aus bürgerlicher Übergangsregierung und sozialistischen, kommunistischen und anarchistischen Arbeiterräten endete mit dem Handstreich einer linksradikalen Minderheit vom 7. November, nach dem alten julianischen Kalender am 25. Oktober. Der Umsturz ging im Ostblock als „Große Sozialistische Oktoberrevolution“ in die Geschichtsbücher ein. Die Bolschewiki proklamierten daraufhin die „Russische Sowjetrepublik“ und Lenin erklärte sich zum neuen Landesvater. Die bereits seit einem Jahr pensionierte Zarenfamilie ließ er im Juli 1918 mitsamt den engsten Bediensteten brutal hinrichten.

Dem Marineadmiral Alexander Koltschak gelang es im November 1918 noch, von Omsk ausgehend eine konservative Parallelregierung zu etablieren. Der glühende Monarchist bezeichnete sich nun – nach der Ermordung der Zarenfamilie durch die Bolschewisten – als „Obersten Regenten Russlands“. Unterstützt wurde der Anführer der Weißen Armee von der Entente, finanziell abgesichert durch mehrere Tonnen erbeutetes Zarengold. Im Folgejahr verloren die Weißgardisten ganz entscheidend gegen die Rotgardisten und Alexander Koltschak musste aus Omsk fliehen. In Irkutsk wurde er von Bolschewisten gestellt und am 7. Februar 1920 zusammen mit seinem „Premierminister“ Viktor Pepeljajew standrechtlich erschossen.

Kerenski musste wie viele bürgerlich gesinnte Russen währenddessen ins Ausland fliehen, er wählte das Pariser Exil. Erst mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Frankreich emigrierte Alexander Kerenski in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo er 1970 starb. Er ist merkwürdigerweise in London begraben.

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Bilderquelle: Wikipedia (gemeinfrei)

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Über Alexander

Ich bin außer mir.
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