→ Alejandro Jodorowsky: Wüstenplanet auf Sand gebaut


Mit nur einem Film begründete Alejandro Jodorowsky ein eigenes Genre: das Midnight Movie. Seine Verfilmung des Wüstenplaneten DUNE hingegen wurde nicht realisiert, setzte aber dennoch Maßstäbe. Heute lebt der Schauspieler und Regisseur als Comicautor und Psychomagiker in Paris.

in Frankreich auch: Alexandro Jodorowsky
* 17. Februar 1929 in Tocopilla (Chile)

Bereits mit seinem zweiten Kinofilm, dem Meskalin-Western „El Topo“ (1970), bereicherte Alejandro Jodorowsky das Filmwesen um ein neues Genre: das Midnight Movie. Wegen der grenzwertigen Gewaltszenen (nichts für Eltern!) durfte „El Topo“ ausschließlich in der Mitternachtsvorstellung gezeigt werden, wo er jedoch schnell Fans fand. Peter Gabriel, damals Sänger von Genesis, war einer von ihnen: „Ich sah El Topo mit 21. Der Film hat mich unglaublich beeindruckt und suchte mich lange in meinen Träumen heim.“

John Lennon und Yoko Ono waren ihrerseits so begeistert, dass sie den Beatles-und-Stones-Manager Allen Klein (abkco) beschwatzten, er solle doch den weltweiten Vertrieb übernehmen. Zusätzlich stellte Lennon 1 Mio. US-Dollar für Jodorowskys nächste Arbeit zur Verfügung. Die kam 1973 in die Kinos und hieß „Montana Sacra/The Holy Mountain“. Die Handlung lässt sich nur schwer nacherzählen und ist auch eher nebensächlich. Der Film beeindruckte vielmehr durch seine surrealistischen Bilder, die an Fieberträume erinnern und aufs Unterbewusstsein abzielten. Der Streifen bleibt als Ganzes unverständlich, doch viele seiner Szenen sind unvergesslich.

Jodorowsky lässt beispielsweise auf einem Friedhof einen Dealer wirres Zeug über Hippie-Halluzinogene philosophieren, Thesen, die seinerzeit in Wohngemeinschaften zirkulierten: „The cross was a mushroom. And the mushroom was also the Tree of Good & Evil. The philosophical stone of the alchemists was LSD. The Book of the Dead is a trip. And the Apocalypse describes a mescaline experience.“

Als der französische Produzent Michel Seydoux ihm anbot, seinen nächsten Film zu finanzieren, entschied sich Jodorowsky intuitiv für Frank Herberts „DUNE – der Wüstenplanet“. Diesmal wollte er einen Film machen, der die Zuschauer kraft einzigartiger Bilder auf einen cineastischen LSD-Trip schickt. Etwas nie zuvor Dagewesenes sollte in die Kinos kommen, ein die Sinne reizendes Gesamtkunstwerk als temporäre Ersatzrealität. Jodo wollte das Bewusstsein seiner Zuschauer erweitern – der Film als Droge sozusagen. Dabei hatte Jodorowsky den Science-Fiction-Roman noch nicht einmal gelesen. Seine Herangehensweise war höchst ambitioniert und grenzte an Größenwahn. Mick Jagger sollte die Hauptrolle übernehmen, Orson Welles den Baron Harkonnen spielen und Salvador Dalí den Padischda-Imperator darstellen. Für die Filmmusik waren Bands wie Tangerine Dream, Pink Floyd und Magma sowie Karlheinz Stockhausen vorgesehen. Der französische Comiczeichner Mœbius zeichnete das Szenenbild, und der damals nur Insiderkreisen bekannte Künstler H.R. Giger entwarf Teile des Setdesigns.

Jodorowsky arbeitete wie ein Wahnsinniger. Ganze vierzehn Stunden sollte der Film dauern, das Drehbuch hatte bereits die Dicke eines Telefonbuchs. Da das Projekt schon zwei der veranschlagten $9,5 Millionen verschlungen hatte, ohne das ein einziger Meter Film entstanden war, zogen die Produzenten die Notbremse. „DUNE“ wurde zwar später von David Lynch verfilmt, aber die wirklichen Erben dieser Vorarbeit waren „Star Wars“ und „Alien“. An letzterem waren gleich vier Künstler aus Jodos Teams beteiligt: Dan O’Bannon, Chris Foss, Jean „Mœbius“ Giraud und H.R.Giger.

Anstatt sich nach dieser Niederlage verzweifelt zurückzuziehen, tat sich Jodorowsky mit seinem Szenenzeichner Mœbius zusammen und startete die Comicreihe „Der Incal“. Mœbius: „Der Incal ist im Grunde die Verwirklichung von DUNE“. Und Jodorowsky: „Ohne diesen Fehlschlag hätte ich die Comics nie gemacht.“

Heute lebt Alejandro Jodorowsky in Paris und liest seinen Fans die Karten. Mehr Interessantes zum aktuellen Jodorowsky: Poesía sin fin.

UPDATE
Alejandro Jodorowskys DUNE ist der perfekte Science Fiction, denn bisher existierte der Film lediglich als platonische Idee in unseren Köpfen (David Lynchs Verfilmung ist doch nichts weiter als Old Spice), und jeder konnte sich seine Bilder ganz nach Wunsch selbst imaginieren. Nun wurde bekannt, dass es eine Neuverfilmung von DUNE geben soll. Als Regisseur ist kein geringerer als der Frankokanadier Denis Villeneuve („Sicario“, „Arrival“) verpflichtet worden. Das wird bestimmt der Hammer!

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Über Alexander

Ich bin außer mir.
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