→ Alexander S. Neill: Freiheit ist das Einzige, was zählt

Alles fließt! A.S. Neill an seinem Geburtstag.

Alles fließt! A.S. Neill an seinem Geburtstag.

Der Schotte Alexander Sutherland Neill gilt in Deutschland als Vater der antiautoritären Erziehung. Seine pädagogischen Konzepte beeinflussten u.a. die Berliner Kinderladenbewegung. Lange Zeit leitete er die Schule Summerhill bei London, deren Vorläufer Neill bereits 1921 in Dresden-Hellerau gegründet hatte.

„… und reden weiter über das Buch ‚Summerhill‘ von A. S. Neill. Niemand, so empfinden wir es, hatte bislang den Begriff ‚Freiheit‘ so zwingend in den Mittelpunkt seiner Gedanken über Kindererziehung gestellt wie dieser englische Pädagoge.“
(Ulrike Edschmid: Das Verschwinden des Philip S., 47)

Alexander Sutherland Neill aka Allie
* 17. Oktober 1883 in Forfar, Schottland
† 23. September 1973 in Aldeburgh, Suffolk

Wenn in Deutschland von „antiautoritärer Erziehung“ die Rede ist, wird oft und gern auf Alexander Sutherland Neill verwiesen. Der mochte dieses Etikett überhaupt nicht, denn es beruht auf einem Missverständnis. A.S. Neill bevorzugte die Bezeichnung „demokratische Erziehung“. In seiner Demokratischen Schule Summerhill bei London können die Kinder selbst entscheiden, was sie wann lernen wollen. Allerdings gibt es auch dort: Regeln.

„In Summerhill bedeutet Freiheit das zu tun, was man will, solange man niemand anderen stört.“

Neill glaubte an Selbstverwaltung und Selbstregulation, und in romantischer Weise glaubte er an das Gute im Kind. Die Freiheit des Einzelnen fing bei ihm schon mit der Freiheit des Kindes an, denn Kinder sind die Erwachsenen von morgen.

„Die Schule sollte kindgerecht sein und nicht das Kind schulgerecht.“

Alexander S. Neill kam als Kind strenger Eltern zur Welt. Seine Eltern waren Lehrer und stolz darauf, als Staatsbedienstete der armen Schicht schottischer Bergleute und Hausmädchen entkommen zu sein. Allie galt als das schwarze Schaf der Familie, da er viel träumte, oft faul war und nicht ‚funktionierte‘.

Seinerzeit gab es in Großbritannien noch die Prügelstrafe (bis 1986!). Der Lehrer hatte das Recht (und die Pflicht), unartige Schüler zu züchtigen. Das konnte ein Schlag mit dem Rohrstock auf die Finger bedeuten oder aber eine Tracht Prügel mit dem Riemen auf den Allerwertesten. So war es gang und gäbe, dass seine Eltern Allie öffentlich straften.

Dennoch folgte Allie seinen Eltern in den Lehrerberuf. Allerdings will er alles anders, besser machen. Nach einer Tätigkeit als Hilfslehrer, bei der er oft bei seinen Vorgesetzten aneckte, wechselte er mit 25 Jahren zum Studium an die Uni, wo er mit vielen neuen Ideen in Berührung kam.

Als Alexander 1916 zum Ersten Weltkrieg eingezogen wird, macht er eine fundamentale Erfahrung. Er besucht eine von Homer Lane geführte Besserungsanstalt. Inmitten einer autoritären Welt lernt er dort das Prinzip der Selbstregierung kennen, denn die Kinder stellten ihre Regeln selbst auf.

1921 besucht A.S. Neill die erste deutsche Gartenstadt in Dresden-Hellerau. Die Siedlung war ein Experimentierfeld für neues Leben und Arbeiten, ein Labor der Moderne. In Hellerau verliebte sich der Pädagoge in Lilian Neustätter, seine erste Ehefrau, und gründete mit ihr vor Ort eine private Reformschule, aus der später Summerhill hervorging.

Alexander Neill blieb stets offen für neue Ideen und Konzepte. Ein wichtiger Einfluss für Neills Ideengebäude war Freuds Psychoanalyse. Das Unbewusste sei stärker als das Bewusste, und so wurde für ihn das Gefühl wichtiger als der Intellekt. Laut Neill findet ein Kind, dass sich wirklich frei fühlt, seinen eigenen Weg am besten.

In Oslo begegnete er 1936 dem exmatrikulierten Psychoanalytiker Wilhelm Reich, der sich auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus im Exil befand und dessen Buch Massenpsychologie des Faschismus Neill während der Überfahrt nach Norwegen fasziniert hatte. Neill unterzog sich Reichs Vegetotherapie, der allerersten körpertherapeutischen Methode,

„… was bedeutete, dass ich nackt auf einem Sofa lag, während er meine steifen Muskeln bearbeitete. Er lehnte es ab, sich mit Träumen zu beschäftigen. Es war eine anstrengende und oft auch schmerzhafte Therapie, aber innerhalb weniger Wochen fand ich mehr emotionale Befreiung, als ich je bei (Homer) Lane, Maurice Nicoll oder (Wilhelm) Stekel gefunden hatte.“

Wilhelm Reich und Alexander Neill freundeten sich an. Der Österreicher und der Schotte pflegten eine deutsch-englische Brieffreundschaft (von 1936 bis 1957), die auch als Buch erhältlich ist. Beide glaubten an einen guten Kern im Menschen, der bei Reich hinter einem „Charakterpanzer“ verborgen und bei Neill von autoritären Erziehungsmethoden überlagert und verfälscht wird. Beide wandten sich gegen starre Systeme.

Kurz: „Wenn alles frei fließen kann, dann kommt es auch dort an, wo es hinwill.“

Foto: Zoë Readhead (CC BY-SA 2.5)

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Über Alexander

Ich bin außer mir.
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