Comic des Mittelalters: Der Alexanderroman

»Alexander in der Tauchglocke« (British Library)

»Alexander in der Tauchglocke« (British Library)


Der Alexanderroman war das beliebteste Volksbuch des Mittelalters. In unzähligen Varianten schildert der Ritterroman die Eroberungszüge Alexanders des Großen, schmückt diese jedoch mit fantastischen Begebenheiten aus. In exotischen Landschaften trifft der Sagen-Alexander auf merkwürdige Misch- & Fabelwesen.


»Alexander trifft auf Blemmyer« (British Library)

»Alexander trifft auf Blemmyer« (British Library)


Erfreuen wir uns der mittelalterlichen Buchmalerei! Auch wenn wir die Texte nicht entziffern oder verstehen können, die Mönche einst aufs Pergament übertrugen, so erkennen wir doch immerhin die Bilder. Manche Handschriften sind so üppig illuminiert, dass die Kombination von Wort+Bild an Comics denken lässt. Umrankte und zum Bild vergrößerte Anfangsbuchstaben (Initiale) schmücken die Seiten, tapfere Ritter schieben sich durch zweidimensionale Landschaften, stolze Burgfräulein schauen aus stark verkleinerten Burgen, Engel blasen in Posaunen und Dämonen künden von der Existenz des Bösen. Der Alexanderroman bildet da keine Ausnahme.

»Der Alexanderroman ist das vor Gutenberg am häufigsten übersetzte, am weitesten verbreitete, am meisten gelesene, am vielfältigsten bearbeitete und bebilderte säkulare Buch der Weltliteratur.« (Alexander Demandt)

Prächtige Ausgaben sind uns erhalten geblieben, die von einer fantastischen Weltreise berichten. Neben den vielen bedeutsamen Schlachten, die Alexanders Geschichte und Oliver Stones Film auf die Dauer so langweilig machen, passieren im Alexanderroman die dollsten Dinger. Alexander und sein Heer treffen hier auf Drachen, Greife, Zyklopen, Riesenkrebse, Skiapoden, Kopffüßer, Pferdeköpfige, bärtige Frauen und »Frauen, die im Wasser lebten und den Männern die Seele aus dem Leib bumsten« – wie es in der Bildunterschrift Nr. 76 des ›Berliner Alexanderromans‹ so anschaulich über die Nymphen heißt.

»Alexander lässt sich von Vögeln, die man Greife nennt, in die Luft tragen.« (Berliner)

»Alexander lässt sich von Vögeln, die man Greife nennt, in die Luft tragen.« (Berliner)


Alexander will die Grenzen der bewohnten Welt erkunden, er will über den Tellerrand schauen und das im Osten vermutete Paradies aufsuchen. An einer Stelle steigt Alexander mithilfe einer waghalsigen Greifvogel-Konstruktion in den Himmel, an anderer Stelle geht er mit einer gläsernen Tauchglocke dem Meer auf den Grund. Als ihn seine Gefährten fragen, wie es auf dem Meeresboden zuginge, antwortet er ihnen weise:

»Wie an Land auch: Die großen Fische fressen die kleinen.«

Warum Hollywood diesen Stoff noch nicht entdeckt und verbraten hat, ist mir ein Rätsel. Zumal das Copyright seit Jahrhunderten abgelaufen ist. Beim Alexanderroman handelt es sich um einen antiken Stoff in mittelalterlichem Gewand, die historische Begebenheit wurde dabei ins Fantastische übersteigert. Es gibt Monster, verführerische Frauen und ferne Länder. Kurz: Der Alexanderroman ist eine opulente Abenteuer-, Entdecker- und Fantasy-Story. Das einzige, was modernen Sehgewohnheiten und somit Hollywood fehlen mag, ist die Minne, die leidenschaftliche Liebe zwischen zwei Menschen. Oliver Stone hatte es mit Alexander und Hephaistion versucht, aber diese schwul-schwülstige Lovestory ist im mittelalterlichen Ritterroman nicht vorgesehen. Statt dessen kommt es bei der Amazonenkönigin Calistidra zu einer Orgie und bei der Königin Kandake zu einem kleinen Stelldichein.

»Alexander trifft auf indische Elefanten.« (British Library)

»Alexander trifft auf indische Elefanten.« (British Library)


Alexander kehrt schließlich nach Babylon zurück, einer Stadt, die er zuvor von den Persern erobert hatte. Dort wird er vergiftet und stirbt. Vom historischen Alexander weiß man bis heute nicht, ob er

a) vergiftet wurde
b) sich totgesoffen hat oder
c) an einer Infektion tödlich erkrankt war.

Wie auch immer, die Geschichte und der Artikel sind nun zu Ende. Ob ihrer Schönheit illustriere ich dieses Posting wahlweise mit Miniaturen aus dem Londoner und dem Berliner Alexanderroman.

~
Linktipp
Romance of Alexander: Flickr-Pool mit Illustrationen zum Alexanderroman.

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Buchtipp
Angelica Rieger: Der Alexanderroman. Ein Ritterroman über Alexander den Großen, Stuttgart: 2002, Mailand: 2006.
Alexander Demandt: Alexander der Grosse. Leben und Legende, München: 2009.

»Alexander kämpft gegen Pferdekopfmenschen« (British Library)

»Alexander kämpft gegen Pferdekopfmenschen« (British Library)


Die besten Bildunterschriften des Berliner Alexanderromans

Nr. 43 „Wie sich die Albaner Alexander unterwarfen und ihm einen großen Hund vorführten, der so stark war, dass er in Alexanders Gegenwart einen Löwen und einen Elefanten besiegte“
Nr. 48 „Alexander kämpft mit Schlangen, Drachen und Krokodilen“
Nr. 49 „Alexander und sein Heer schlagen sich mit Riesenkrebsen“
Nr. 50 „Alexander kämpft mit turmhohen weißen Löwen“
Nr. 51 „Alexander kämpft gegen Wildschweine mit ellenlangen Hauern“
Nr. 52 „Alexander kämpft gegen das dreigehörnte Monster namens Aryne“
Nr. 56 „Wie Alexander auf Frauen stieß, die Keulen aus Gold und Silber trugen und auf einer Insel lebten“
Nr. 57 „Alexander kämpft gegen ein Tier, das einem Hippopotamus gleicht, außer dass es eine Brust wie ein Krokodil und lange spitze Zähne hat“
Nr. 59 „Wie Alexander auf eine Art Frauen traf, die große Hörner auf dem Kopf und Bärte bis zur Brust trugen“
Nr. 60 „Wie Alexander Frauen traf, die am ganzen Körper behaart waren und auf der Erde und im Wasser lebten“
Nr. 61 „Wie Alexander auf Frauen traf, die lange Zähne und Haare bis zu den Fersen hatten“
Nr. 62 „Wie Alexander auf Frauen mit Pferdefüßen traf“
Nr. 63 „Wie Alexander Männer und Frauen traf, die ganz nackt gingen und keine Wohnstatt außer in Höhlen hatten“
Nr. 65 „Wie sich Alexander mit einer Art Menschen schlug, die riesengroß und mit großen haarigen Fellen bekleidet waren“
Nr. 66 „Wie Alexander einen Wilden Mann fand und ihn verbrennen ließ, weil er keinen Verstand hatte, sondern wie ein Tier war“
Nr. 68 „Der Sonnen- und Mondbaum sagen Alexander dessen baldigen Tod voraus“
Nr. 74 „Wie König Alexander und sein Heer gegen Drachen kämpften, die einen großen Smaragden auf der Stirn trugen“
Nr. 75 „Wie Alexander auf Tiere stieß, die Köpfe und Zähne wie ein Wildschwein und ein Fell wie ein Löwe hatten“
Nr. 76 „Wie Alexander auf Frauen traf, die im Wasser lebten und den Männern die Seele aus dem Leib bumsten.“
Nr. 78 „Wie sich Alexander von Vögeln, die man Greife nennt, in die Luft tragen ließ.“
Nr. 79 „Wie sich Alexander in einem gläsernen Fass ins Meer versenken ließ.“
Nr. 80 „Wie König Alexander mit jenen wilden Tieren kämpfte, die ein Horn scharf wie ein Schwert und gezahnt wie eine Säge hatten (Einhörner)“
Nr. 81 „Wie Alexander und seine Leute gegen eine Spezies Drachen kämpften, die Bockshörner auf dem Kopf hatten“
Nr. 82 „Wie sich Alexander mit Wesen schlug, die Pferdeköpfe hatten und aus dem Mund Feuer und Flammen spuckten“
Nr. 83 „Wie Alexander mit einer Art Riesen kämpfte, die wirklich sehr groß sind und nur ein Auge auf der Stirn haben“
Nr. 84 „Wie Alexander goldfarbene Menschen ohne Kopf fand, die den Mund auf der Brust hatten“
Nr. 85 „Wie Alexander gegen wilde Tiere kämpfte, die einen Pferdekopf und Löwenfüße hatten und dreißig Fuß hoch und sieben Fuß breit waren“
Nr. 87 „Wie Alexander dem Grab seines Pferds Bukkephalos eine Stadt errichten lässt“
Nr. 89 „Alexander kämpft mit Schlangen mit zwei Köpfen und mit Tieren, die acht Beine, acht Augen und zwei Hörner hatten“
Nr. 90 „Wie Alexander in Babylon Einzug hält, die man ihm übergeben hat und man ihm dort aus allen Ländern der Welt Tribut zollt“
Nr. 94 „Wie Jobas, der Sohn Antipaters, König Alexander das Gift zu trinken gibt“
Nr. 95 „Wie Jobas König Alexander die vergiftete Feder gibt und der König sie in den Mund steckt“
Nr. 96 „Wie man den guten König Alexander begrub“

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Über Alexander

Ich bin außer mir.
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