→ Alex Dumas der Älteste: Einer für alle

General_Alex-Dumas
Alex Dumas war der Vater von Alexandre Dumas dem Älteren und Großvater von Alexandre Dumas dem Jüngeren. Das aufregende Leben des schwarzen Revolutionsgenerals diente als Inspiration für „Die drei Musketiere“ und „Der Graf von Monte Christo“.

Thomas-Alexandre Davy de la Pailleterie
* 25. März 1762 in Jérémie, Saint-Domingue (Haïti)
† 26. Februar 1806 in Villers-Cotterêts, Frankreich

Wer bei Quentin Tarantulas „Django Unchained“ aufgepasst hat, der weiß, dass Alexandre Dumas, der Autor der „Drei Musketiere“, von dunkler Hautfarbe war. Bei seinem letzten Auftritt klärt nämlich Dr. King Schultz den rassistischen und sadistischen Sklavenhalter Calvin Candie (inklusive aller Kinobesucher) darüber auf:

„I figured you must be an admirer. You named your slave D’Artagnan after that novel’s lead character. If Alexandre Dumas had been here today, I wonder what he would made of it. Alexandre Dumas is black.“

Dumas war ein Mulatte, oder genauer: ein Quadroon (oder „Viertelneger“, wie deutsche Rassisten damals sagten), denn sein Großvater war ein normannischer Adeliger namens Alexandre-Antoine Davy de la Pailleterie. Der vornehme Herr war vor den Gläubigern auf die Karibikinsel Saint-Domingue geflüchtet, hatte sich dort die schwarze Sklavin Louise-Cessette Dumas gekauft und mehrere Kinder mit ihr gezeugt.

Saint-Domingue war seinerzeit das einträglichste Fleckchen des Planeten Erde. Die französische Kolonie in Haïtis Westen produzierte vor allem Zucker für das Heimatland. Zur Schwerstarbeit auf den Zuckerplantagen zogen deren Besitzer schwarze Sklaven heran, die zu abertausenden aus Afrika in die Karibik verschifft wurden. Zu Beginn des Oscar-prämierten Kinofilms „12 Years a Slave“ sieht man ganz gut, wie beschwerlich die Zuckerrohrernte ablief und wie rechtlos schwarze Sklaven waren (→ Alexandre Pétion).

Thomas-Alexandre verbrachte seine ersten Lebensjahre zusammen mit seinen drei älteren Geschwistern auf der Farm seines Vaters im Hinterland der Insel. Als der Vater im Dezember 1775 nach Paris zurückkehrte, um sein Erbe als Marquis anzutreten, verpfändete er seine Frau und die Kinder, um die Überfahrt zu finanzieren. Nur seinen Jüngsten löste er aus und holte ihn nach Paris. Mit dem Betreten französischen Bodens war Thomas-Alexandre frei, denn im „Land der Freien“ (denn genau das bedeutet „Frank-Reich“) war niemand ein Sklave. Anwälte der Aufklärung hatten diesen einzigartigen Status im Mutterland aller französischen Kolonien erstritten. Thomas-Alexandre erfuhr eine aristokratische Erziehung und holte all das nach, was dem Sohn eines Marquis zustand. Er lernte höfische Manieren, Latein, Griechisch, Geografie, Mathematik, Geschichte, Literatur, Philosophie, Reiten, Fechten und Tanzen.

Viele schwarze Bürger aus den amerikanischen Kolonien lebten dazumal in Paris. Die „Amerikaner“ waren entweder selbst Plantagenbesitzer oder aber Freigelassene oder auch Mischlinge, also Kinder mit französischem Elternteil. Diese Kinder konnten sowohl die Schule besuchen, als auch die Hochschule und die Militärakademie.

Kurz vor dem Tod des Vaters zerstritt sich Thomas-Alexandre mit seinem Erzeuger. Der Grund ist unklar, aber danach verkürzte er seinen Vornamen und nahm den Nachnamen der Mutter an; fortan hieß er Alex Dumas. Als sich Dumas im Juni 1786 ganz unstandesgemäß bei den Dragonern der Königin meldete, begann eine einzigartige Militärlaufbahn. Im Juli 1789 führte die Erstürmung der Bastille zur Französischen Revolution; im August bekamen die Dragoner ihren letzten königlichen Befehl und zogen nach Villers-Cotterêts. Hier verliebte sich Alex Dumas in die Kommandeurstochter Marie-Louise Labouret, die er dank seiner noblen Herkunft auch heiraten durfte. Am 10. September 1793 wurde ihr erstes Kind geboren: Alexandrine Aimée. Mit Alexandre folgte zehn Jahre später ihr einziger Sohn.

General_Alexandre-Dumas

In den Revolutionsjahren war in Frankreich vieles möglich, zum Guten wie zum Schlechten. Dumas kämpfte in der „Amerikanischen Legion“, einer Sondereinheit mit schwarzen Soldaten unter schwarzer Führung. Dumas zeichnete sich darin durch besonderen Mut, hohe Einsatzbereitschaft, Gewitztheit und ein selten anzutreffendes Gerechtigkeitsempfinden aus. Innerhalb eines Jahres diente sich der 1,85 Meter große Hüne zum Brigadegeneral hoch und wurde schließlich zum Kommandeur und Obergeneral der Alpenarmee befördert – der erste schwarze Viersternegeneral einer westlichen Armee.

Am 14. Mai 1794 eroberte die Alpenarmee unter seiner Führung den Mont Cenis des Alps und erkämpfte damit den Zugang zum Piemont. In Italien luchste Dumas den Österreichern die Festungsstadt Mantua ab. Durch solcherlei Taten wurde ein anderer hoher General auf Dumas aufmerksam: Napoleon Bonaparte. Der Korse nahm den Haïtianer mit auf seine Ägypten-Expedition, die sich jedoch zum heillosen Fiasko entwickelte. Napoleon setzte sich bald nach Frankreich ab, um dort eine Diktatur zu errichten, während der Rest der Armee im Land der Pyramiden von tropischen Krankheiten und heimtückischen Beduinen geplagt wurde.

Auf seiner selbst organisierten Rückreise im März 1799 drohte das von Dumas gecharterte Schiff im Mittelmeer zu sinken. Beim eingelegten Nothalt in Süditalien wurde die Schiffsbesatzung von italienischen Konterrevolutionären gefangen genommen. Zu den prominenten Gefangenen gehörte neben Alex Dumas auch der Geologe Déodat de Dolomieu, nach dem die Dolomiten benannt sind. Die zweijährige Kerkerhaft entwickelte sich zum Albtraum. Alex Dumas wurde auf einem Auge blind und einseitig taub. Dem behandelnden Arzt unterstellte er Vergiftungsabsichten.

Als Dumas im März 1801 freikam, war er ein gebrochener Mann. Die politische Lage hatte sich inzwischen völlig verändert. Napoleon ließ seinen ehemals so angesehenen General fallen, auch war die Republik nicht mehr farbenblind und sozial durchlässig. Dunkle Hautfarben waren in hohen Positionen nicht mehr willkommen und die Sklaverei in den Kolonien wieder legitim.

Im Juli 1802 – Alex Dumas war gerade 40 Jahre alt – kam ein Sohn zur Welt. Der Vater benannte ihn nach sich selbst, Alexandre Dumas. Knapp vier Jahre später starb der schwarze General an Magenkrebs. In der frühkindlichen Erinnerung des Sohnes blieb der Vater ein Held, wenn auch ein von der Gesellschaft vergessener. Immerhin ist der Name „Dumas“ auch heute noch am Pariser Triumphbogen eingraviert.

Der schwarze General wurde zur Vorlage für die Romanfigur Edmont Dantes, die sich nach einem unverschuldeten Gefängnisaufenthalt durch einen ausgefeilten Plan Genugtuung verschafft und an den Verschwörern rächt. Wenn wir also heute den Grafen von Monte Cristo lesen, haben wir Anteil an den Rachefantasien, die Alexandre Dumas zur Rehabilitierung seines Vaters erdachte.

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Über Alexander

Ich bin außer mir.
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