→ Alexandre Kojève wusste, wie die Geschichte ausgeht

Ausgerechnet ein Russe machte Frankreichs Intellektuelle mit dem Werk des deutschen Philosophen Hegel bekannt. Darüber hinaus „erfand“ Alexandre Kojève einen Vorläufer der heutigen EU. Von Kojève stammt außerdem das immer wieder gern aufgewärmte Konzept vom „Ende der Geschichte“.

Александр Владимирович Кожевников
Alexander Wladimirowitsch Koschewnikow
* 28. April 1902 in Moskau
† 4. Juni 1968 in Brüssel

Was für eine Biografie! Ein russischer Bourgeois flieht vor der Oktoberrevolution nach Deutschland. Er spricht bald so gut Deutsch, dass er Hegel im Original lesen und verstehen kann. Er geht nach Paris und spricht bald so gut Französisch, dass er die dortigen Intellektuellen mit Hegel bekannt machen kann. Nach dem Krieg wird er zuerst Übersetzer und dann die linke Hand von Charles de Gaulle. Als Regierungsberater empfiehlt er de Gaulle, gemeinsam mit Spanien und Italien ein Bündnis einzugehen, um einem wiedererstarkenden Nachkriegsdeutschland Paroli zu geben. Es entsteht die Europäische Gemeinschaft. Der Mann stirbt mitten in Brüssel während einer Beratung für einen zukünftigen gemeinsamen Markt an einem Herzinfarkt.

Alexander Koschewnikow kam als Fabrikantensohn in einer wohlhabenden Moskauer Familie zur Welt, der spätere Bauhäusler Wassily Kandinsky war ein Onkel. Dank dieser Konstellation standen Alexander die Türen weiter offen als der russischen Mehrheit, die überwiegend in großer Armut lebte.

Dann kam die Oktoberrevolution und brachte die Umwertung aller Werte. Die Familie verlor ihr Vermögen und dem Bürgersöhnchen blieb ein Studium in Moskau verwehrt. Über Warschau floh Koschewnikow im September 1920 nach Deutschland, wo er in Heidelberg und Berlin Philosophie sowie die Orchideenfächer Sanskrit und Sinologie (großes Interesse am Buddhismus) studierte.

Außerdem begann er ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau. Sie war die Schwägerin des russischen Philosophen Alexandre Koyré, der in Paris lehrte, sich zu diesem Zeitpunkt aber in Berlin aufhielt. Der zehn Jahre ältere Koyré wollte den unverschämten Liebhaber zur Rede stellen, aber schloss stattdessen Freundschaft mit diesem Namensvetter: „Der Typ ist viel besser als mein Bruder. Ich kann meine Schwägerin verstehen!“ (Übrigens starb Koyré am 62. Geburtstag seines neuen Schwippschwagers, am 28. April 1964.)

Der gewitzte Mann promovierte bei Karl Jaspers mit einer Dissertation über den russischen Dichter und Denker Wladimir Solowjow. Ende 1926 wechselte Koschewnikow nach Paris, nahm eine neue Staatsbürgerschaft an und französierte seinen Namen zu Alexandre Kojève. Als sein Freund aus Berliner Tagen Alexandre Koyré eine Vertretung suchte, übernahm er dessen Vorlesungen.

Sechs Jahre lang, von 1933 bis 1939, veranstaltete Kojève an der École Pratique des Hautes Études ein Seminar zu Hegels „Phänomenologie des Geistes“. In Frankreich war Hegels Hauptwerk noch weitgehend unbekannt und nicht übersetzt. Kojèves „Vergegenwärtigungen von Hegels Denken“ waren stets gut besucht. Ihr wohnten von Raymond Queneau und André Breton über Georges Bataille und Jacques Lacan bis Roger Caillois und Raymond Aron halb Paris bei. Auch Hannah Arendt besuchte die Vorlesungen während ihres Pariser Exils: „Kojève glaubte wirklich, dass die Philosophie mit Hegel an ihr Ende gelangt sei, und er handelte auch danach. Er schrieb nie ein Buch, selbst das Hegel-Buch war in Wirklichkeit nicht von ihm geschrieben. … Er wurde nicht Philosophie-Professor. … Kurz, er tat, was die meisten Menschen nicht tun.“ (We Refugees)

Alxandre Kojève konzentrierte sich vor allem auf den Abschnitt zu Herrschaft und Knechtschaft. Hier eine kleine Geschmacksprobe von Hegels literarischen Fähigkeiten:

„Das Selbstbewußtsein ist an und für sich, indem und dadurch, daß es für ein Anderes an und für sich ist; d.h. es ist nur als ein Anerkanntes. Der Begriff dieser seiner Einheit in seiner Verdopplung, der sich im Selbstbewußtsein realisierenden Unendlichkeit, ist eine vielseitige und vieldeutige Verschränkung, so daß die Momente derselben teils genau auseinandergehalten, teils in dieser Unterscheidung zugleich auch als nicht unterschieden oder immer in ihrer entgegengesetzten Bedeutung genommen und erkannt werden müssen…“

Hegels „Phänomenologie des Geistes“ denkt die Welt in historischen Gegensätzen, die abwechselnd miteinander ringen, bis sie sich am Ende aufheben (stark vereinfacht und verkürzt). Hegels Ausführungen hatten seinerzeit den jungen Marx zum Dialektischen Materialismus inspiriert, und auch Kojève ersann sich seine eigene Hegel-Interpretation. Er nannte die Aufhebung der Gegensätze „das Ende der Geschichte“. Eine Formulierung, die 50 Jahre später durch Francis Fukuyama ein fragwürdiges Revival erleben sollte. Das Ende der Geschichte sah für Alexandre Kojève übrigens so aus: Die Menschen leben in einem postrevolutionären homogenen Weltstaat (politische Entropie) und versuchen, durch ausgelassenen Konsum glücklich zu sein. Der öffentlichkeitsscheue TV-Philosoph
Peter Sloterdijk:

„Der bedeutendste Hegelianer des 20. Jahrhunderts, Alexandre Kojève, hat für die Menschheit nach dem Ende der Geschichte, nicht ganz ohne Bosheit, nur noch drei Optionen gesehen: Entweder du wählst den Weg des Weisen, dann vollziehst du die Gedanken Hegels nach; oder du entscheidest dich dafür, ein glückliches Tier zu werden, das heißt, du wählst den American Way of Life; oder du votierst für den Weg des Künstlers, der alle Lebensprobleme in ein Spiel mit Formen übersetzt.“ (Der Spiegel 14/2007)

Wer die Welt mit Hegels Brille sieht, muss sich immer auch entscheiden, auf welcher Seite der Geschichte er steht. Alexandre Kojève wusste das sehr genau, nur vollzog er dazu öfter einen Seitenwechsel. Mal war er Wirtschaftsdemokrat, mal KGB-Spion, mal links, mal rechts. Kojève achtete Hegel, Heidegger und Carl Schmitt, aber misstraute der deutschen Nation.

Am 27. August 1945 gab er Frankreichs Staatschef die Empfehlung, gemeinsam mit den Nachbarstaaten Italien und Spanien ein Lateinisches Reich zu gründen, um einem wiedererstarkenden Deutschland ein romanisch-katholisches Bündnis entgegenzusetzen. Für Kojève war die Zeit der Nationalstaaten endgültig vorbei. Dachte er dabei an die Sowjetunion in seinem Heimatland? Die Idee seiner Lateinischen Union scheiterte vorerst, nicht zuletzt, weil in Spanien mit Franco ein Faschist regierte.

Allerdings kam es stattdessen unter Beteiligung von Italien, Deutschland und den Benelux-Staaten 1951 zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Die Montanunion wurde zum Vorläufer der Europäischen Union und Alexandre Kojève durch das von ihm vorangetriebene Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen zu einem der Väter des Europäischen Wirtschaftsraumes.

Alexandre Kojève starb im Dienste eines vereinten Europas mitten in dessen Hauptstadt. Während der Verhandlungen für einen gemeinsamen Markt erlitt Kojève einen Herzinfarkt. Er ist in Brüssel beerdigt. Mit ihm verschied einer der einflussreichsten Philosophen Europas, denn im Gegensatz zu seinen akademischen Kollegen konnte er seine Visionen in die Realität umsetzen.

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UPDATE vom 7. Juli 2019

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