→ Alexandre Kojève wusste, wie die Geschichte ausgeht

Alexandre Kojève war ein russischer Philosoph, der Frankreichs Studenten und Intellektuelle mit dem Werk des deutschen Philosophen Hegel bekannt machte. Von Kojève stammt auch das immer wieder gern aufgewärmte Konzept vom ›Ende der Geschichte‹.

Александр Владимирович Кожевников
Alexander Wladimirowitsch Koschewnikow
* 28. April 1902 in Moskau
† 4. Juni 1968 in Brüssel

Alexandre Kojève kam als Kind wohlhabender Eltern unter dem Namen Alexander Koschewnikow in Moskau zur Welt; sein Onkel war der Bauhäusler Wassily Kandinsky. Bedingt durch diese Konstellation, standen Koschewnikow die Türen weiter offen als der russischen Mehrheit, die in großer Armut lebte. Nach der Schule studierte Alexander in Heidelberg und Berlin die Orchideenfächer Sanskrit, Sinologie und Philosophie.

In Deutschland kam Alexander Koschewnikow auch mit dem Ideengebäude Hegels in Berührung. Das sollte bald sein weiteres Leben bestimmen. Hegels Phänomenologie des Geistes denkt die Welt in Gegensätzen, die immer abwechselnd miteinander ringen, bis sie sich am Ende aufheben (stark vereinfacht und verkürzt). Hegels Sichtweise hatte vor allem den Klassenkampf des 19. und 20. Jahrhunderts befeuert. Kojève ersann sich jedoch seine eigene Hegel-Phänomenologie und taufte die Aufhebung der Gegensätze »das Ende der Geschichte«. Eine fragwürdige Formulierung, die 50 Jahre später durch Francis Fukuyama ihr Revival erleben sollte. Und was Napoleon für Hegel war, wurde Stalin für Kojève.

Nach seiner Dissertation über den russischen Denker Vladimir Solowjew, die er in den 1920er Jahren bei Karl Jaspers ablegte, wechselte Alexandre Kojève nach Frankreich, wo er durch den Zusammenbruch der Börse 1929 sein gesamtes Vermögen verlor. Als Kojève im Paris der 1930er Jahre nach einer akademischen Einkommensquelle suchte, bekam er die Chance zu seinen Hegel-Vorlesungen. In Frankreich war Hegels Hauptwerk weitgehend unbekannt und nicht übersetzt. Kojèves Vergegenwärtigungen von Hegels Denken waren stets gut besucht; ihr wohnten unter anderem Sartre, André Breton, Hannah Arendt und Raymond Queneau bei. Dabei entwickelte Alexandre Kojève die Theorien Hegels weiter. Das Ende der Geschichte sah für Alexandre Kojève übrigens so aus: Die Menschen leben in einem postrevolutionären homogenen Weltstaat (politische Entropie) und versuchen, durch ausgelassenen Konsum glücklich zu sein… Der öffentlichkeitsscheue TV-Philosoph Peter Sloterdijk:

»Der bedeutendste Hegelianer des 20. Jahrhunderts, Alexandre Kojève, hat für die Menschheit nach dem Ende der Geschichte, nicht ganz ohne Bosheit, nur noch drei Optionen gesehen: Entweder du wählst den Weg des Weisen, dann vollziehst du die Gedanken Hegels nach; oder du entscheidest dich dafür, ein glückliches Tier zu werden, das heißt, du wählst den American Way of Life; oder du votierst für den Weg des Künstlers, der alle Lebensprobleme in ein Spiel mit Formen übersetzt.« (Der Spiegel 14/2007)

Wer die Welt mit Hegels Brille sieht, muss sich immer auch entscheiden, auf welcher Seite der Geschichte er steht. Alexandre Kojève wusste das, nur vollzog er dazu öfter einen Seitenwechsel. Mal war er KGB-Spion, mal Wirtschaftsdemokrat, mal links, mal rechts; Kojève achtete Hegel und Carl Schmitt, verachtete aber die Deutschen als Ganzes.

Von Alexandre Kojève stammte die Warnung an de Gaulle vor der deutschen Nation (1945, wohlgemerkt). Man solle sich doch lieber mit den katholischen Nachbarn Italien, Spanien und Portugal zu einem Empire Latin (Lateinischen Reich) zusammentun, als mit den mehrheitlich protestantischen Deutschen. Nachkriegsdeutschland würde sich sowieso alsbald zum Musterschüler der USA mausern, dem es nur noch um ökonomische Rationalität und Profit ginge und Frankreich sowie alle anderen romanischsprachigen Länder dabei an den Rand der Bedeutungslosigkeit drängen würde. Die Lateinische Union erscheint hier als Alternative zur Europäischen Union. Nichtsdestotrotz wurde Alexandre Kojève durch das von ihm vorangetriebene Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen zu einem der Väter des Europäischen Wirtschaftsraumes. Für Kojève war die Zeit der Nationalstaaten endgültig vorbei.

Notabene: Alexandre Kojève darf nicht mit seinem Namensvetter, Kommilitonen und Schicksalsgenossen Alexandre Koyré (1892–1964) verwechselt werden. Von Koyrè hatte Kojève seinerzeit die Hegel-Vorlesungen übernommen, ersterer war somit Wegbereiter des letzteren. Koyré war ebenfalls in Russland geboren, hatte ebenfalls in Deutschland studiert und war ebenfalls ins französische Exil gegangen, wo er ebenfalls seinen Namen französisierte und ebenfalls an der École Pratique des Hautes Études lehrte. Und noch eine Gemeinsamkeit, diesmal seitenverkehrt: Alexandre Kojève wurde an einem 28. April geboren, Alexandre Koyré hingegen starb am 28. April 1964 – während eines Vortrages in Brüssel.

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Über Alexander

Ich bin außer mir.
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