→ Alexandre Herculano: Der romantische Portugiese

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Der portugiesische Dichter Alexandre Herculano ist hierzulande völlig unbekannt. Keins seiner Werke ist auf Deutsch erhältlich. Dabei gilt Herculano in seinem Heimatland als Begründer einer nationalen Romantik.

Alexandre Herculano de Carvalho e Araujo
* 28. März 1810 in Lissabon
† 18. September 1877 in Vale de Lobos

In den Zeiten der Romantik gab es viele Alexander. → Alessandro Manzoni schuf mit seinem Roman I promessi sposi die Grundlage für eine italienische Hochsprache und ermöglichte damit die sprachliche Einheit Italiens. → Alexander Puschkin wurde mit seinen Gedichten, Dramen und Erzählungen der Geburtshelfer einer modernen russischen Literatur. Der Romantiker → Alexej Tolstoi verfasste zwei der frühesten Vampir-Erzählungen der Literaturgeschichte. Der Dichter → Alexander Tschawtschawadse brachte die Romantik über den Kaukasus nach Georgien. Und der Portugiese → Alexandre Herculano?

Was hat er gemacht?

Alexandre Herculano veröffentlichte 1844 und 1848 zwei Romane, die den Eintritt des historischen Romans in die portugiesische Literatur markieren. Herculano hatte dazu seinen Stil an den Historienschinken eines Sir Walter Scott geschult. Die literarische Wirkung des Schotten auf die Romantiker kann nicht überschätzt werden. Historische Romane nach Scotts Vorbild entstanden in vielen Sprachen und wurden zuweilen sogar als dessen Werke ausgegeben, beispielsweise der Roman ›Walladmor‹ (1824) von → Willibald Alexis. Durch Scott beeinflusst waren sowohl Wilhelm Hauff und Theodor Fontane als auch → Alessandro Manzoni und → Alexander Puschkin.

Dann legte Herculano mit einer umfangreichen wissenschaftlichen Arbeit nach, die zum ersten Mal die Geschichte Portugals vom Beginn der Monarchie bis zur Etablierung der Inquisition behandelte. Damit lieferte er dem portugiesischen Nationalgefühl historisches Material, aber auch Stoff für Kontroversen. Da Herculano bei seiner Arbeit allein auf Dokumente vertraute, vermisste so mancher Zeitgenosse in der Chronik gewisse Legenden und Heiligengeschichten, die als mythologische Wahrheiten gelten sollten.

Wer war der Mann?

Alexandre Herculano kam 1810 in wohlhabenden Verhältnissen in Lissabon zur Welt. Er wurde früh in Latein, Logik und Rhetorik unterrichtet und studierte an der Königlichen Akademie Mathematik. Da er sich an Kämpfen gegen die absolute Monarchie beteiligt hatte, musste er für ein Jahr ins Exil nach England und Frankreich. Als er aus dem Exil zurückkehrte, begründete er die Zeitschrift O Panorama (1837–1839), die ans englische Penny Magazine angelehnt war und damals zur führenden Kulturzeitschrift Portugals wurde. Mit seinen Artikeln, Erzählungen und biographischen Beschreibungen historischer Persönlichkeiten machte er vor allem die aufstrebende Mittelschicht mit der Geschichte ihrer Nation bekannt. Als er zum Leiter der Königlichen Bibliothek von Ajuda berufen und zum Abgeordneten in den Cortes gewählt wurde, fand er genügend Zeit und Gelegenheit für ausführlichere literarische Arbeiten. Er schrieb historische Romane und machte sich an die Arbeit zu einer Geschichte Portugals.

Alexandre Herculano starb 1877 in Vale de Lobos als hochgeehrter Mann. Das Grabmal des Schriftstellers befindet sich im Kapitelsaal des Hieronymus-Klosters nahe Lissabon und ist somit Teil eines Weltkulturerbes. Trotz seiner herausragenden Bedeutung für die Geschichte unseres europäischen Nachbarlandes ist sein Werk nicht ins Deutsche übertragen worden. Auch über die aktuelle Rezeption im Heimatland des Dichters ist nichts bekannt. Alexandre Herculano gehört vermutlich zu den Autoren, die heutzutage nicht mehr gelesen werden.

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Über Alexander

Ich bin außer mir.
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