→ Alex Steinweiss: Mach dir mal ’ne Platte!

Da biste platt, wa?

Alex Steinweiss ist der Erfinder des modernen Plattencovers. Der 23jährige Grafikdesigner versah Schellack-Alben 1940 erstmals mit farbig gestalteter „Cover Art“. Zehn Jahre später konzipierte er die heute noch gängige Papphülle für die Langspielplatte aus Vinyl (LP).

Alexander Steinweiss
* 24. März 1917 in Brooklyn, New York City, USA
† 17. Juli 2011 in Sarasota, Florida, USA

Alex Steinweiss kam als Sohn osteuropäischer Migranten jüdischer Herkunft in Brooklyn zur Welt. Der Vater war ein Schuhdesigner aus Warschau, die Mutter eine Näherin aus Riga. Der Sohn sollte es einmal besser haben und studierte darum Grafikdesign. Aus der Arbeitsmappe trat sein Talent so deutlich zutage, dass ihm ein Stipendium an der renommierten Designer-Hochschule Parsons School of Design bewilligt wurde.

Nach dem Studium arbeitete Alex Steinweiss im Studio von Joseph Binder, einem aus dem „angeschlossenen“ Österreich emigrierten Grafikdesigner. Als Steinweiss 1939 von einer freien Stelle als Gestalter bei Columbia Records hörte, bewarb er sich bei der Plattenfirma und wurde angestellt. Als Art Director sollte er hauptsächlich Plakate, Pappaufsteller und Werbebroschüren entwerfen.

Doch bald fiel das Augenmerk des 23-jährigen auf die grauen, braunen und grünen Papiertüten, in denen Schellackplatten damals zum Verkauf angeboten wurden. In den Plattenregalen wirkten sie auf ihn wie „Grabsteine“. Für Steinweiss waren die unbedruckten Schutzhüllen verschenktes Potenzial, denn schließlich waren sie nichts anderes als freie Werbefläche.

Aufgrund der kurzen Spieldauer wurden oftmals mehrere Schellackplatten zu einem „Album“ zusammengefasst und mit einem Ledereinband versehen – daher die Bezeichnung. Das erste Album mit einem gestalteten Cover hieß „Smash Song Hits“, eine Zusammenstellung von beliebten Musical-Kompositionen aus der Feder des Songschreibers Richard Rodgers (bekannt durch „Blue Moon“, „My Favorite Things“, „My Funny Valentine“ und „You’ll Never Walk Alone“). Das Album aus dem Jahr 1940 enthielt insgesamt 16 Titel verteilt auf vier Schellackplatten (Columbia Set C-11).

Alex Steinweiss kam auf die phänomenale Idee, den Schallplattengenuss wie ein Konzerterlebnis zu inszenieren. Eigens für das Plattencover fuhr Steinweiss mit einem Fotografen zum Broadway und überredete den Besitzer des Musical-Theaters „Imperial“, auf die Leuchttafel über dem Haupteingang die Namen des Labels, des Albums und der beteiligten Künstler zu setzen. Das Foto, auf dem auch der unbeleuchtete Name des Theater lesbar ist, hinterlegte er mit den stilisierten Rillen einer Schallplatte. Auf der Rückseite des Albums ahmte Steinweiss ein Programmheft nach. Die einzelnen Schellackplatten wurden als Akte I bis IV bezeichnet, die jeweiligen A- und B-Seiten wurden mit „Szene 1“ bzw. „Szene 2“ angegeben. Hinzu kamen spaßige Begleitslogans wie „Beginning any day any where in your own home“ und „Performances at and for your pleasure“, um die Illusion komplett zu machen.

Die Vorgesetzten waren skeptisch, denn die Gestaltung und der Farbdruck verursachten Mehrausgaben, die wiederum den Endverbraucherpreis erhöhten. Doch Alex Steinweiss sollte Recht behalten, denn seine „Verpackungskünste“ bewährten sich. Am auffälligsten zeigte sich dies bei seinem Re-Design eines Albumklassikers des New Yorker Philharmonie-Symphonie Orchesters. Beethovens „Eroica“ in der Version von Bruno Walter (ebenfalls ein Emigrant) war schon seit länger auf dem Markt, doch mit dem leuchtendroten Cover steigerte sich der Absatz innerhalb kürzester Zeit auf das Neunfache.

Eine Reminiszenz an die Paul-Robeson-Straße am Prenzlauer Berg in Berlin (Album von 1942)

Ab 1948 etablierte Columbia Records ein neues Format, die Langspielplatte. Die 12-Zoll-Scheibe aus Vinyl war robuster als die zerbrechliche Schellackplatte, ihre Spieldauer pro Seite betrug 25 statt vier Minuten und die Klangqualität war hörbar besser. Mit dem Design beauftragte die Columbia Alex Steinweiss, der inzwischen auch für andere Plattenfirmen arbeitete. Steinweiss ersann die bunte Papphülle, die fortan jeder LP ein eigenes „Gesicht“ gab und gibt. Somit hatte er dafür gesorgt, dass wir heute beinahe zu jedem beliebigen Album ein Bild im Kopf haben. Hinzu kamen aufgedruckte Hinweise, die auf die Qualität des neuen Produkts hinwiesen: „Columbia long playing LP microgroove nonbreakable record“. Darüber hinaus entwickelte er eine Schnörkelschrift, die Steinweiss Scrawl, mit der er seine Entwürfe kennzeichnete.

Wie wichtig seine Erfindung war, sieht man an Blue Note Records. Das Jazz-Label war im selben Jahr gegründet worden, in dem auch Steinweiss auf die Idee mit dem Plattencover gekommen war, nämlich 1939. Bei keinem anderen Label sind Musik, Artwork und Genre zu so einer festen Einheit verschmolzen. Im Gegensatz zu Steinweiss, der auf plakative Grafik setzte, arbeitete man bei Blue Note mit Porträtfotos in Schwarzweiß und farbiger Schrift.

Beethoven von 1942, gestaltet von Steinweiss, versus Pink Floyd von 1973, gestaltet von Hipgnosis.

Im Alter von 55 Jahren zog sich Alex Steinweiss aus dem Geschäft zurück. Angesichts wartender Hippies in der Lobby einer Plattenfirma kam er sich so altmodisch vor, dass er beschloss aufzuhören. Abgelöst wurde er von einer neuen Generation wie dem britischen Team Hipgnosis, die aber auch in seine Fußstapfen traten. Ihr Entwurf für Pink Floyds „Dark Side Of The Moon“ erinnert nicht zufällig an eines seiner Albumcover von 1942. Damals hatte er Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 in Es-Dur („Emperor“) mit einem Klavier versehen, das weißes Licht wie ein Prisma in sechs Regenbogenfarben aufspaltete.

Er selbst äußerte sich im Jahr 2010 auf einer Personalausstellung einmal zur Gegenwart: “Computers – that’s why everything today looks so crappy!“ („Computer sind der Grund dafür, dass heutzutage alles so bescheuert aussieht!“) Da war er immerhin schon 93 Jahre alt.

UPDATE am 7. September 2018.

Lektürehinweis: Alex Steinweiss. The Inventor of the Modern Album Cover
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Foto: Ron de Voodoo

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