Im Gegenteil: Der 25. Januar ist Gegenteiltag!

Opposite Day
Der ›Gegenteiltag/Opposite Day‹ ist der ungewöhnlichste Tag in einer ganzen Reihe gewöhnlicher Gedenktage, die sich so durchs Jahr schlängeln. Gebührend begangen wird der Gegenteiltag durch eine gegensätzlich verdrehte Logik. Man sagt und tut von allem einfach das genaue Gegenteil. Das ist gar nicht so leicht – weder für den Gegenteiler noch für sein Gegenüber.

»Vor dem Gegenteiltag sind Berge Berge und Flüsse Flüsse. Am Gegenteiltag sind plötzlich Berge keine Berge und Flüsse keine Flüsse mehr. Am Ende des Gegenteiltages sind Berge wieder Berge und Flüsse wieder Flüsse.«
(Zen Tis Konfitüre)

Vorab etwas zum geschichtlichen Hintergrund, denn der Opposite Day geht auf einen Alexander zurück. Der US-amerikanische Politiker Alexander Kerr Craig (1828–1892) war ein Mitglied des Senats, nein, im Gegentum: des Repräsentantenhauses, und soll nach eigenem Gutdünken einen Gegenteiltag eingelegt haben. Den allerersten Gegenteiltag beging der 43jährige am 25. Januar 1872. Dann passierte wohl lange Zeit nichts, zumindest wurde nichts überliefert. Eventuell geht die Logik des Kalten Krieges mit seinen unzähligen Antagonismen auf ihn zurück (Kommunismus – Kapitalismus, Diktatur – Demokratie, Planwirtschaft – Marktwirtschaft). Aufschwung bekam die Idee vom Gegenteiltag in jüngerer Zeit durch eine Folge Spongbob Schwammkopf, die sogar von den Simpsons aufgegriffen wurde (in: Der perfekte Sturm). Bei Spongebob ist es Thaddäus Tentakel, der den Gegenteiltag ausruft:

Thaddel: »Heute ist Gegenteiltag! Der Gegenteiltag ist der einzige Tag im Jahr, an dem man sich anders benimmt als sonst! Normalerweise bin ich spießig und langweilig, aber heute bin ich fröhlich und ganz spontan!«
Spongebob: »Wissen die anderen auch, dass Gegenteiltag ist?«
Thaddel: »Aber sicher, das ist ein Spiel. Kapiert?«

Dank der Kinder, die jeden Unsinn sofort aufschnappen, diffundierte die Sache nun auch in den europäischen Alltag. Doch was heißt hier ›Unsinn‹? Was auf den ersten Horch albern und völlig gaga klingt, hat es auf den zweiten Blick ganz schön in sich! Der Gegenteiltag ist eine schöne Anomalie im Alltag. Durch die Umkehrung aller Werte wird die Kommunikation sabotiert und einer unsicheren Interpretation Haus und Hof geöffnet. Der Zuhörer muss jeden Satz, jedes Wort erst dekodieren, bevor er versteht, was gemeint sein könnte. Doch was ist das Gegenteil des Gesagten, was genau ist das Gegenteil vom Gegenteil? Unvorhergesehene Paradoxien, aber auch ein gesteigertes kreatives Potenzial sind die Folge. Die Gehirnhälften spielen Pingpong in Hochgeschwindigkeit. Das ist wie Zen-Buddhismus, Gegenwart zum Quadrat.

»Worte! Der Weg ist jenseits von Sprache, denn auf ihm gibt es kein Gestern, kein Morgen, kein Heute.«
(Sosan Zenji)

Im Zen-Buddhismus geht es hauptsächlich darum, durch stille Betrachtung und Versenkung (sogenanntes Herum-Sit-Zen) dualistische Unterscheidungen wie wahr oder falsch, du und ich, Subjekt und Objekt, Innen- und Außenwelt etc. zu erkennen und diese Fragmentierung der Realität zu überwinden. Am Ende steht die Erleuchtung, die Erkenntnis der Totalität, der Allheit des Vielen in Einem. Worte sind während dieses Erkenntnisprozesses eher hinderlich, denn Sprache als Spiegelung des Denkens zerteilt die Realität permanent in lauter kleine Sinneinheiten. Ihr merkt schon, das Eis wird dünner. Ich benutze die Sprache, um über die Unzulänglichkeiten der Sprache herzuziehen. Pfui, Teufel!

»Worte sind wie Rettungsringe,
die dem Leben dienen;
auf den tiefen Grund der Dinge
kommst du schwer mit ihnen.«
(Christian Morgenstern)

Doch es naht Hilfe! Als Tauchgewichte hat der Zen-Buddhismus die Kōans erfunden, kurze Anekdoten oder Witzchen, deren Pointen auf den Laien meist vollkommen unverständlich, sinnlos oder paradox wirken. Kōans sind Meditationsbrücken, die den Geist in einen anderen, quasi außersprachlichen Zustand führen sollen. Dig?

Das Gleiche kann eurem Geisteszustand auch am Gegenteiltag passieren! Gespiegelte Alltagsfloskeln entwickeln sich plötzlich zu dadaistischen Kōans und der normalen Unterhaltung wird der feste Boden entzogen. Sagt man jemandem am Gegenteiltag »Du gehst mir auf den Senkel«, dann handelt es sich um ein Kompliment, das durchaus mit »Leck mich!« (= Küss mich!) oder »Halt’s Maul!« (= Sag noch mehr solche netten Sachen!) erwidert werden kann. Zur besseren Vermeidung von Missverständnissen sei ständiger Augenkontakt anempfohlen.

Richtig kompliziert wird es, wenn herauskommt, dass die Welt nicht allein aus dualen Gegensatzpaaren wie Warz-Schweiß oder Lechts-Rings besteht. Gegensätze lassen sich leichter konstruieren, wenn man vom Erstgenannten eine Art Spiegelung erzeugt. Was aber, wenn es keine Spiegelachse gibt? Findet es selbst heraus! Dazu eine Zen-Übung: Suchet und findet das Gegenteil von

hochschwanger – niederträchtig
herrlich – däm…
Montag –
Weihnachten –
Gegenteil –
Worte –

Dass die Sache spaßig statt spießig werden kann, beweist die Satireseite Der Postillon, die fast fünfzig Prozent ihrer Witze durch die Verdrehung von Tatsachen, durch die Umwertung der Werte, generiert. Hier drei Postillon-Schlagzeilen von diesem Monat: USA bereit, No-No-Spy-Abkommen zu unterzeichnen, Bahn rüstet Ticketautomaten um, damit sie neue 10-Euro-Scheine nicht annehmen und Neun von zehn Spinnen haben panische Angst vor hysterisch kreischenden Frauen.

In diesem Sinne: Auf Nimmerwiedersehn!

~
Foto: Frommi

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Über Alexander

Ich bin außer mir.
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