→ Alexander Pearce: Weit besser als Fisch oder Schwein

Der Schädel von Alexander Pearce wird an der University of Pennsylvania in Philadelphia aufbewahrt.

Der Schädel von Alexander Pearce wird an der University of Pennsylvania in Philadelphia aufbewahrt.

Alexander Pearce war ein irischer Dieb, der sich im britischen Bestrafungssystem zum tasmanischen Teufel entwickelte. Während zweier Fluchten aus einer australischen Strafkolonie tötete er seine Gefährten und aß sie teilweise auf.

* 1790 im County Fermanagh, Irland
† 19. Juli 1824 auf Van-Diemens-Land, heute Tasmanien

Der Ire Alexander Pearce wurde 1819 wegen des Diebstahls von sechs Paar Schuhen aufgegriffen und zu sieben Jahren Strafarbeit verurteilt. Das mag unverhältnismäßig klingen, aber das Gericht setzte angesichts der großen Anzahl von Schuhen bei dem Dieb eine gewisse Erfahrung und Übung im Mausen voraus. Diese kriminelle Persönlichkeit musste gebrochen und durch harte Arbeit zu einem wertvollen Untertanen der britischen Krone umerzogen werden! Man verschiffte Alexander Pearce ins ferne Australien und verbrachte ihn auf die Insel Van-Diemens-Land am Südzipfel des Kontinents.

Da er nicht an sich halten konnte und erneut mit dem Gesetz in Konflikt geriet (Spucken, Beißen, Treten), verlegte man Alexander Pearce in die nagelneu errichtete Strafkolonie Macquarie Harbour für australische Schwerverbrecher und Wiederholungstäter. Nach sechs Wochen Lagerhaft floh Pearce mit sieben anderen Insassen während eines Außeneinsatzes. Nach einer Woche ohne Nahrung töteten die Flüchtlinge ihren Kompagnon → Alexander Dalton und verspeisten ihn. Macht sieben. Zwei der Flüchtlinge gaben auf und stellten sich. Macht fünf. Einer wurde unglücklicherweise von einer Giftschlange gebissen, daraufhin mit der Axt erschlagen und von seinen Kompagnons aufgegessen. Macht vier.

Bald waren’s nur noch zwei: Alexander Pearce und Robert Greenhill, die sich acht Tage lang argwöhnisch beobachteten. Greenhill nickte schließlich ein und erlebte seinen persönlichen Albtraum. Nicht mehr. Nach 42 Tagen und einer Strecke von etwa 215 Kilometern erreichte Pearce eine menschliche Behausung und kam bei einem Schafhirten unter. Als Pearce endlich gefasst wurde, glaubte man ihm die Geschichte von den verspeisten Kameraden nicht, da Kannibalismus als uneuropäisch galt.

Auf seiner zweiten Flucht sollte sich das Drama wiederholen. Wieder tötete Pearce einen Menschen, wieder war es ein Gefährte und wieder wurde der Flüchtling eingefangen. Diesmal hatte Alexander Pearce seinen Kompagnon Thomas Cox erschlagen. In einem Wutanfall, wie er hinterher angab. Als man Pearce nach zehn Tagen aufgriff, fand man neben gewöhnlichen Nahrungsmitteln auch Menschenfleisch in seinen Sachen. War es Hunger oder Appetit? Für die Rechtsprechung lag der Fall klar, hier ging es nicht um Kannibalismus in einer Notlage. Der Supreme Court befand Alexander Pearce für schuldig und verurteilte ihn Mitte Juni 1824 wegen Mordes und Kannibalismus zum Tod durch den Strang. Am 19. Juli 1824 wurde er im Stadtgefängnis von Hobart gehängt. Es heißt, Alexander Pearce soll vor seiner Hinrichtung gesagt haben:

»Man’s flesh is delicious. It tastes far better than fish or pork.
Menschenfleisch ist köstlich. Es schmeckt weit besser als Fisch oder Schwein.«

Das kann eine nachträglich in Umlauf gesetzte Lüge sein, um den Gehängten als Bestie in Menschengestalt zu diskreditieren (oder zu ›dissen‹, wie man im Ghetto sagt). Es kann sich aber auch um eine historische Tatsache handeln, und da muss man fragen, warum er das gesagt hat. Meinte er das womöglich ernst und war auf den Geschmack gekommen? Handelte es sich vielleicht um eine orale Obsession? Oder gar um ein Verhaltensmuster, bei dem das Trauma der ersten Flucht verarbeitet werden musste? Das Töten von Menschen schien dem Mann, der nur fünf Jahre zuvor wegen eines Schuhdiebstahls ins Gefängnis gekommen war, in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Mindestens zwei Menschen hatte Pearce ganz allein getötet und zerlegt. Oder war die Aussage nur eine provokative Botschaft an die Nachwelt, um zu sagen, schaut her, ich weiß, wie Menschenfleisch schmeckt, und ihr nicht, ihr Veganer, und ihr werdet es auch niemals erfahren, außer ihr tötet ebenfalls … Grusel, grusel.

In Deutschland gibt es keinen Gesetzesparagraphen, der Kannibalismus explizit verbietet. Allerdings verhindern andere Umstände die Etablierung von echten Burger-Imbissen. Erst einmal braucht man eine Leiche. Erstellt man selbst eine, ist das Mord. Holt man sich eine aus einem Leichenschauhaus, ist das Diebstahl. Bestellt man sich eine beim weltweiten Menschenhandel im Internet, dann ist das Leichenhandel. Und wenn man hartnäckig neben einem nahen Verwandten ausharrt, um dessen Leiche zu erben, wäre das nach § 168 des Strafgesetzbuches Störung der Totenruhe:

»Wer unbefugt aus dem Gewahrsam des Berechtigten den Körper oder Teile des Körpers eines verstorbenen Menschen, eine tote Leibesfrucht, Teile einer solchen oder die Asche eines verstorbenen Menschen wegnimmt oder wer daran beschimpfenden Unfug verübt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.«

Auch in Deutschland gab es immer mal wieder Fälle von Menschenfresserei. Der ›Totmacher‹ Fritz Haarmann verwurstete in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg mehrere Menschen zu Dosenfleisch und verkaufte sie. Im Jahr 2003 geisterte der ›Kannibale von Rothenburg‹ durch den deutschen Blätterwald. Der Mann hatte eine Internetbekanntschaft auf ihren eigenen Wunsch hin vor laufender Kamera getötet und teilweise verspeist. In speziellen Internetforen verabreden sich Menschen mit kannibalischen Neigungen zum Essen. Erst jüngst wieder gab es einen solchen Fall im schönen Naturpark Erzgebirge. Der Pensionswirt und Kriminalhauptkommissar Detlev G. (55) vom LKA-Sachsen hatte Anfang November seinen Chat-Freund Wojciech S. (†59) zum Essen da. Wie angeblich vorher mit ihm vereinbart, tötete der Polizist den CDU-Politiker im Keller des Hauses. Na, Mahlzeit!

Im Tierreich ist es nichts ungewöhnliches, dass sich Artgenossinnen und Artgenossen gegenseitig auf dem Speiseplan stehen haben. Sowohl Insekten als auch Säugetiere sind dazu imstande. Die Schwarze Witwe und die Gottesanbeterin vernaschen das Männchen nach dem Sex als Spurenelement, und große Krokodile haben ihren Nachwuchs manchmal zum Fressen gern. Auch die possierlichen Marienkäfer profitieren ab und an ernährungstechnisch voneinander.

Der Begriff ›Kannibalismus‹ kommt von den Kariben, einem ausgestorbenen Inselvolk in der nach ihnen benannten Karibik. Im Lauf der Zivilisation hat die Menschheit dieses tierische Erbe jedoch abgelegt, die Mehrheit zumindest. Die Gründe liegen auf der Hand: Fleisch ist Mord und macht nichts als Ärger.

Dennoch hat sich eine gewisse Faszination am Thema Menschenfleisch erhalten. Ich merke das selbst anhand der verzeichneten Zugriffe auf mein Blog. Der Beitrag über Alexander Sawney Bean, das Oberhaupt einer schottischen Kannibalenfamilie, ist der am häufigsten aufgerufene Artikel im Online-Alexikon. Mir persönlich haben der Geheimrat Dr. Oldenburg, der Freiherr von Berlepsch sowie Erwin Baur ganz gut geschmeckt. Schön saftig. Allerdings handelt es sich dabei um Fruchtfleisch, denn das sind alles alte Apfelsorten. Guten Apfeltit!

~
Schädelfoto: Wikipedia

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Über Alexander

Ich bin außer mir.
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