→ Alexander Parkes: Der Vater aller Kunststoffe

Stoffkunst: Alexander Parkes

Stoffkunst: Alexander Parkes


Ausgerechnet ein Metallurge aus Birmingham entwickelte 1855 den ersten thermoplastischen Kunststoff. Alexander Parkes erfand das Zelluloid und nannte es Parkesin. Den Ruhm heimste jedoch ein anderer ein.

* 29. Dezember 1813 in Birmingham
† 29. Juni 1890 in Dulwich, England

Wir tragen Kleidung aus Nylon, Perlon und Elastan, halten unser Essen mit Klarsichtfolie frisch und unsere Häuser mit Styropor warm. Auch Polyamid (PA), Polyethylen (PE), Polypropylen (PP) und Co. sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Bei all diesen Begriffen handelt es sich um Kunststoffe, also um künstlich hergestellte Stoffe. Dazu werden einzelne Moleküle im Zuber zu langen Molekülketten verköchelt, bis deren Dickicht einen plastischen oder elastischen Stoff ergibt. Die Menge des jährlich erzeugten Kunststoffs ist mittlerweile so beachtlich, dass sie zum ernsthaften Problem für Mensch und Umwelt geworden ist, denn das Zeug ist überall, vor allem im Müll.

Das weltweit erste Plastik entwickelte ausgerechnet ein Metallarbeiter aus der englischen Industriestadt Birmingham. Alexander Parkes machte sich einfach Erfahrungen zunutze, die er bei der Arbeit mit Metallen gesammelt hatte. Während seiner Ausbildung in einer Messingfabrik konnte er beispielsweise beobachten, wie galvanische und andere chemische Prozesse einen Stoff wunschgemäß veränderten. So wurde unser Metallurge der Erfinder des nach ihm benannten „Parkes-Verfahrens“, bei dem aus silberhaltigem Blei durch die Hinzugabe von Zinn reines Silber abgeschieden werden kann. Dieses Verfahren ist heute noch bekannt – im Gegensatz zu Parkes größter Erfindung, dem „Parkesin“.

Als sich 1862 die Tore zur dritten Internationalen Weltausstellung in London öffneten, war auch Alexander Parkes mit einem Stand vertreten. Unter der Ausstellernummer 1112 präsentierte Parkes einen Stoff, der unglaubliche Fähigkeiten aufwies. Beinahe jede beliebige Form sollte der plastische Alleskönner annehmen können, darunter die von Kämmen, Messergriffen, Knöpfen, Broschen, Schachfiguren, Isolierungen und so weiter und so fort. Durch Zusatzstoffe konnte jeder Artikel außerdem eine andere Farbe annehmen. Ein gigantischer Markt der Möglichkeiten tat sich auf!

Parkesin entsteht aus Baumwollfasern, die durch die Hinzugabe von Salpeter- & Schwefelsäure zu Nitrozellulose – sogenannter Schießbaumwolle – veredelt werden. Am Ende eines längeren Prozesses steht eine formbare Masse, die jede beliebige Gestalt annehmen kann, bevor sie aushärtet: das Parkesin. Doch Alexander Parkes und seinem Parkesin war kein Glück beschieden. Vielleicht lag es am mangelnden kaufmännischen Geschick des Erfinders, vielleicht aber auch am fehlenden Qualitätsbewusstsein. Um die Produktionskosten zu senken, hatte Parkes die Qualität und die Wirkungszeit der verwendeten Lösungsmittel verringert. Das führte dazu, dass sich die bereits verkauften Kunststoffprodukte im Haushalt der Kunden verformten. Aus Kämmen wurden Bürsten und aus Broschen Knöpfe. Die enttäuschten Käufer protestierten und reklamierten.

Da Alexander Parkes seine Rezeptur nach der Weltausstellung veröffentlichte, konnte auch der Drucker John Wesley Hyatt im fernen Amerika davon profitieren. Hyatt beteiligte sich an einem Preisausschreiben der Firma Phelan & Collender, das nach einem kostengünstigen Ersatzstoff für Billardkugeln aus Elfenbein suchte. Als Anreiz winkten 10.000 US-Dollar Belohnung. Bereits 1865 erwarb John Wesley Hyatt ein Patent für „Billardkugeln aus gepressten Stoffresten mit einem Überzug aus Schellack und Elfenbeinstaub“. Wegen der massenweisen Verwendung von Zellulose als einem Ausgangsstoff taufte Hyatt seinen halbsynthetischen Kunststoff kurzerhand „Zelluloid“, und meldete ihn ganz frech unter diesem Namen zum Patent an. Da ein Gericht 1870 entschied, dass Alexander Parkes der rechtmäßige Erfinder des Zelluloids sei, kaufte der geschäftstüchtige Amerikaner dem glücklosen Briten das Patent für Parkesin einfach ab. Seine 1872 gegründete „Celluloid Manufacturing Company“ stellte er unter anderem künstliche Gebisse her und wurde erfolgreich.

So kommt es, dass hin und wieder behauptet wird, John Wesley Hyatt hätte den ersten Kunststoff erfunden. Wie wir gesehen haben, stimmt das so nicht.

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Über Alexander

Ich bin außer mir.
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