→ Alexander Berkman: ABC-Schütze des Anarchismus

Alexander_Berkman
Wer sich mit Anarchismus beschäftigt, stößt früher oder später auf seinen Namen. Alexander Berkman ist der Autor des Standardwerks ABC des Anarchismus. Darin erklärt er, was kommunistischer Anarchismus ist, wie er sich von anderen Anarchismen unterscheidet, ob er möglich ist und wie er durchgesetzt werden kann.

Овсей Осипович Беркман
Owsei Osipowitsch Berkman
* 21. November 1870 in Vilnius
† 28. Juni 1936 in Nizza (Suizid)

»Sobald jemand illegitime Macht erkennt, herausfordert und überwindet,
ist er Anarchist. Die meisten Menschen sind Anarchisten.«
(Naom Chomsky, DIE ZEIT, 14. Juni 2011)

Alexander alias Sascha hieß eigentlich Owsei Osipowitsch Berkman. Er war als Sohn eines wohlhabenden jüdischen Geschäftsmanns in der litauischen Hauptstadt Vilnius zur Welt gekommen. Damit war Sascha gesellschaftlich bessergestellt als die Arbeiter, für die er sich später einsetzen sollte. Allerdings gehörte Berkman als Jude im Zarenreich einer politisch und religiös diskriminierten Minderheit an. Nach dem frühen Tod seines Vaters 1882 machte ihn sein Onkel mit dem russischen Nihilismus bekannt, der ihn sehr faszinierte und für revolutionäre Ideen empfänglich machte. Als auch seine Mutter starb, wanderte der Siebzehnjährige in die USA aus. Von den Vereinigten Staaten erhoffte sich Sascha bessere Arbeits- und Lebensbedingungen – und wurde enttäuscht.

In der Druckerei des Anarchisten Johann Most erlernte Sascha den Beruf eines Schriftsetzers. So kam Alexander Berkman mit anarchistischem Gedankengut in Berührung sowie mit Mosts Konzept einer ›Propaganda der Tat‹, die Gewalt und Terroranschläge zur Durchsetzung politischer Ziele guthieß. Außerdem lernte Sascha die gleichaltrige Emma Goldman kennen, die wie er mit 17 Jahren aus Litauen emmagriert war und sich ebenfalls für anarchistische Ideen begeisterte.

Die ›Propaganda der Tat‹ führte 1892 zu Saschas unüberlegtem Attentat auf den Koks- und Stahlmagnaten Henry Clay Frick. Der Unternehmer war gegen streikende Arbeiter vorgegangen, indem er Streikbrecher einsetzte und bewaffnete Sicherheitskräfte zu deren Schutz bezahlte. Im Laufe der gewaltsamen Auseinandersetzungen wurden innerhalb eines Tages zehn Arbeiter getötet und sechzig verwundet. Daraufhin drang Alexander Berkman in das Büro von H. C. Frick vor, gab drei Schüsse auf ihn ab und ging dann mit einem vergifteten Messer auf Frick los, bis man Berkman schließlich festnehmen konnte. Frick überlebte das Attentat. Berkman wurde wegen versuchten Mordes zu 22 Jahren Gefängnis verurteilt, was übrigens seinem damaligen Alter entsprach. Infolge einer Amnestie wurde Alexander Berkman im Mai 1906 nach 14 Jahren Gefängnis aus der Haft entlassen.

Emma_Goldman_and_Alexander_Berkman

Von da an waren Alexander Berkman und Emma Goldman gemeinsam aktiv. Das Paar gab ein monatliches Magazin namens Mother Earth heraus, das sich gegen Machtmissbrauch und Unterdrückung und für Gleichberechtigung, Geburtenkontrolle und Kriegsdienstverweigerung einsetzte. Mit ihren radikalen Ansichten erregten sie immer wieder die Aufmerksamkeit der Bundesbehörden; beide wurden des öfteren verhaftet. Emma Goldman verlor sogar die amerikanische Staatsbürgerschaft. Auf Initiative von Generalbundesanwalt Alexander Mitchell Palmer und dessem aufstrebenden Assistenten J. Edgar Hoover wurden Alexander Berkman und Emma Goldman im Rahmen der sogenannten Palmer-Razzien verhaftet und in die Russische Sowjetrepublik abgeschoben (1919). Alexander Berkman hatte anfangs mit der kommunistischen Revolution sympathisiert und freute sich nun immerhin, seine alte Heimat Litauen wiederzusehen. Die brutale Niederschlagung des Kronstädter Matrosenaufstandes führte jedoch zu einem schnellen Bruch mit den Bolschewiki. Berkman und Goldman emigrierten gemeinsam über Schweden und Berlin nach Frankreich. In Nizza wählte Alexander Berkman, schwer an Prostatakrebs erkrankt, den Freitod.

Alexander Berkmans ABC des Anarchismus wird bis heute verlegt. Ein wichtiges Kapitel darin (Gewalt & Terrorismus) handelt übrigens vom Verzicht auf die ›Propaganda der Tat‹:

Anarchisten sind ebenso menschlich wie der Rest der Menschheit, vielleicht sogar mehr. Sie empfinden Unrecht und Ungerechtigkeit stärker, entrüsten sich schneller über Unterdrückung und daher ist es zuweilen nicht ausgeschlossen, dass sie in Form einer Gewalttat protestieren. Solche Taten sind aber Ausdruck eines individuellen Temperaments und nicht einer bestimmten Theorie. Gewalt ist die Methode der Unwissenheit, die Waffe der Schwachen. Diejenigen, die viel menschliche Güte und Verstand besitzen, haben keine Gewalt nötig, da sie unwiderstehlich sind, aufgrund ihrer Überzeugung richtig zu handeln.«

Alexander_Berkman_signature
~
Fotos (2): Wikipedia

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Über Alexander

Ich bin außer mir.
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