→ Alexandre Pétion, Amerikas erster schwarzer Präsident

president alexandre petion

Der erste schwarze Präsident Amerikas heißt Alexandre, nicht Barack. Der haïtianische Revolutionsgeneral Alexandre Sabès Pétion wurde 1806 zum ersten Präsidenten der Republik Haïti gewählt – 200 Jahre vor Barack Obama in den USA.

Alexandre Sabès Pétion
kreolisch: Aleksann Petyon
Beiname: ›Papa Bon-Kè‹ (Papa Bon-Cœur)
* 2. April 1770 in Port-au-Prince, Saint-Domingue
† 29. März 1818 auf Haïti

Unwissenheit und Ignoranz setzen den Begriff ›Amerika‹ oft mit den USA gleich. Dabei ist Amerika ein Doppelkontinent, auf dem die Vereinigten Staaten nur einen kleinen Teil einnehmen und dabei von Kanada an Fläche noch übertroffen werden.

Die von Indios bewohnte Karibikinsel Ayiti wurde seinerzeit durch Kolumbus entdeckt und von ihm als La Isla Española für die spanische Krone in Besitz genommen. In der Kolonialzeit erhielt Hispaniola den Namen Santo Domingo und diente als profitable Zuckerrohrplantage. Profitabel war der Zuckerrohranbau vor allem durch Sklavenarbeit. Unter brutalsten Bedingungen mussten afrikanische Ureinwohner auf indianischer Erde für europäische Großgrundbesitzer schuften. Seit 1697 gliederte sich die Insel in zwei Landesteile. Der Osten blieb spanisch, der Westen wurde zur französischen Kolonie Saint-Domingue. Mit der Dominikanischen Republik und der Republik Haïti ist die Insel auch heute wieder politisch und sprachlich zweigeteilt. Haïti kennen wir vor allem als ärmstes Land der westlichen Hemisphäre, dabei war die Zuckerrohrinsel einst die reichste Kolonie des Doppelkontinents.

Alexandre Sabès, genannt Pétion, lebte an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, in einer für Haïti außerordentlich spannenden Zeit. Obwohl von dunkler Hautfarbe, war Alexandre Sabès von Geburt an bessergestellt, denn sein Vater war ein wohlhabender Franzose, nur seine Mutter war Haitianerin (ähnlich wie bei Alexandre Dumas). Alexandre galt somit als Mulatte – Mischling – und stand in der Hierarchie der Hautfarben höher als die afrikanischen Sklaven. Darüber hinaus waren Mulatten häufig selbst Sklavenhalter. Mit 18 Jahren ging Sabès nach Frankreich, wo er die Militärakademie absolvierte, die Schriften der Aufklärung kennenlernte und die Französische Revolution von 1789 miterlebte. Aus Begeisterung für den Revolutionsführer Pétion de Villeneuve nahm Alexandre Sabès dessen Namen an. Nach zehn Jahren kehrt Alexandre zum ersten Mal auf seine Heimatinsel zurück, um dort einfallende britische Truppen abzuwehren.

Mulatto
Analog zur Französischen Revolution hatte ab 1791 in Saint-Domingue eine Haitianische Revolution stattgefunden, die schließlich zur Gründung der ersten unabhängigen Republik in Lateinamerika und nach den USA zur zweiten auf dem gesamten Doppelkontinent führen sollte. Die Haitianische Revolution war der einzige erfolgreiche Sklavenaufstand in der Geschichte und Haïti laut Proklamation der »erste freie Negerstaat« der Erde. Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit – die Ideale der Revolution sollten auch in der Karibik gelten.

Ein Name ist dabei hervorzuheben: Toussaint L’Ouverture. Der vormalige Sklave hatte trotz Sklaverei als Kind Lesen und Schreiben gelernt und verfügte ebenso wie Alexandre Pétion über eine herausragende Bildung, was ihn schnell zum Anführer der Revolution machte. Louverture besiegte britische, spanische und französische Invasoren und verfügte 1794 die Abschaffung der Sklaverei. Dann marschierte er in den spanischen Teil der Insel ein und schaffte auch dort die Sklaverei ab, was ihm die Ehrennamen ›Black Spartacus‹, ›Schwarzer Napoleon‹ und ›Schwarzer George Washington‹ einbrachte. Nach zwei Jahren quasi autonomer Verwaltung gab Louverture der französischen Kolonie 1801 eine selbst ausformulierte Verfassung ohne Rassendiskriminierung und ließ sich persönlich zum Gouverneur auf Lebenszeit ausrufen. Dadurch geriet Toussaint Louverture in Konflikt zu Napoleon Bonaparte, der inzwischen im Mutterland Frankreich die Macht ergriffen hatte. Napoleon war keinesfalls daran interessiert, in den Kolonien die Sklaverei abzuschaffen. Bonaparte entsandte eine Armee, um Louverture abzusetzen. Zu der Armee gehörte auch Alexandre Pétion. Toussaint wurde gefangengenommen und starb im Jahr darauf in französischer Haft.


Beim anschließenden Kampf der Franzosen gegen die dunkelhäutige Bevölkerung wechselte Alexandre Pétion die Seiten und unterstützte den General und ehemaligen Sklaven Jean-Jacques Dessalines. Jean-Jacques ließ 1804 den unabhängigen Staat Haïti ausrufen und sich selbst zum ›Kaiser Jacques I.‹ krönen. Übrigens wenige Tage vor Napoleon.

Kaiser Jacques I.

Kaiser Jacques I.


Kaiser Jacques I. konnte den jungen Staat jedoch nicht stabilisieren und verübte zahlreiche Massaker gegen die verbliebene weiße Bevölkerung. Das Chaos wurde von Heinrich von Kleist in der Erzählung ›Die Verlobung in St. Domingo‹ (1811) literarisch eingefangen. Nach nur zwei Jahren Amtszeit wurde der schwarze Kaiser von dem schwarzen Brigadegeneral Henri Christophe ermordet und der Konflikt zwischen Schwarzen und Mulatten lebte erneut auf. Da der reformorientierte Alexandre Pétion und Henri Christophe, der einen feudalistischen Führungsstil bevorzugte, sich nicht auf eine gemeinsame Regierung einigen konnten, wurde das Land kurzerhand geteilt. Henri Christophe ließ sich zum König des nördlichen Etat d’Haïti ausrufen, Pétion wurde im kreolisch geprägten Süden zum Präsidenten der Republique Haïti gewählt. Damit war Alexandre Pétion der erste farbige Präsident Amerikas. Da Pétion im großen Maßstab Grundbesitz einzog, um diesen an seine Anhänger und arme Landarbeiter zu verteilen, nannte ihn das Volk Papa Bon-Kè (Papa Bon-Cœr). Der ›Gutherzige Vater‹ regierte zwölf Jahre.

Indessen gab König Henri I. in Anlehnung an das Vorbild in Potsdam den Bau von Schloss Sans Souci in Auftrag. Für das damalige Haïti war das Bauwerk mit verschwenderischer Pracht ausgestattet, beispielsweise einer Fußbodenkühlung. Diese bestand aus einem Röhrensystem, das von einem Gebirgsbach durchflossen wurde. Schloss Sans Souci wurde 1842 bei einem schweren Erdbeben zerstört und 1982 zum UNESCO-Welterbe erklärt.

Alexandre-Petion_Simon-Bolivar
Als Simón Bolívar 1815 von der Nachbarinsel Jamaika abgeschoben wurde, gewährte Alexandre Pétion ihm Asyl und unterstützte ihn auch materiell. Im Gegenzug versprach Bolívar die Abschaffung der Sklaverei auf dem Kontinent. Ein Versprechen, das er hielt. Mithilfe haïtianischer Söldner konnte Bolívar im heutigen Venezuela landen und dort die Republik Großkolumbien gründen.

Pétion hielt bald nichts mehr von Wahlen und ließ sich 1816 zum Präsidenten auf Lebenszeit ausrufen. Zwei Jahre später starb er an Gelbfieber. Sein Nachfolger wurde Jean-Pierre Boyer. Dem vormaligen Kampfgefährten gelang es 1822, die gesamte Insel – Norden, Süden, spanischer Osten – wieder in einem Staat zu vereinen. Zum Gedenken an die Bedeutung von Alexandre Pétion für die Geschichte Haïtis ziert sein Konterfei die 500-Gourdes-Banknote, den zweithöchsten Ausgabewert der einheimischen Währung.

Haiti_Banknote_Petion_1993
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Bilder: Wikicommons

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Über Alexander

Ich bin außer mir.
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