Die Treppe von Alexander Shitinski

Alexander-Shitinski_Die-Treppe
Die mir in Fleisch & Blut übergangene selektive Alexander-Wahrnehmung hat meine Aufmerksamkeit kürzlich auf ein Buch gelenkt, welches bei einer befreundeten Person aus dem Regal lugte: ›Die Treppe‹ von Alexander Shitinski – eins ihrer Lieblingsbücher! Die russische Novelle von 1980 habe ich mir ausgeborgt und werde sie hier begeistertermaßen kurz vorstellen.

»Kennen Sie sich mit Treppen haus?«
(alter Treppenwitz)

Wir befinden uns in den 1970ern in einem Mietshaus irgendwo in Sankt Petersburg, das damals Leningrad hieß. Es ist Dezember, also gerade einsetzender russischer Winter. Es liegt Schnee auf den Straßen und Dächern und die Menschen laufen in dicken Mänteln umher. Ein junger Mann, unsere Hauptfigur Wladimir Piroschnikow, verlässt soeben verkatert und mit leichten Gedächtnislücken eine fremde Wohnung und tritt ins Dunkel des Treppenflurs. Piroschnikow versucht sich zu erinnern, wie er wohl in diese Wohnung gekommen sein mag und wo das Mädchen von gestern Abend abgeblieben ist. Eine ganz reale Situation also. Während er so in Gedanken versunken die Treppe hinuntertrottet, fällt ihm auf, dass diese kein Ende nehmen will, weil sich ein bestimmter Abschnitt unaufhörlich wiederholt. Unserem Helden wird das daran deutlich, das ein und dieselbe Katze immer wieder auftaucht:

»Ein paar Treppenläufe weiter war Piroschnikow wieder auf eine Katze gestoßen, der ersten sehr ähnlich, mehr noch, die Katze hatte auch genau den gleichen Deckel vor sich stehn. Ja, man scheut sich, es auszusprechen, es war dieselbe Katze.«

Und hier haben wir das phantastische Element – den Fehler in der Matrix. Die Treppe lässt unseren Protagonisten nicht mehr gehen, er muss zurück in die Wohnung, aus der er gekommen ist. Selbst eine lebensgefährliche Flucht aus dem Fenster scheitert. Piroschnikow wird so zu einem Aufenthalt in einer Kommunalka gezwungen, einer typisch russischen Gemeinschaftswohnung, dem westeuropäischen WG-Konzept nicht unähnlich. In einer Kommunalka teilen sich mehrere erwachsene Personen, manchmal sogar ganze Familien, eine Wohnung und nutzen Räume wie Toilette und Küche kollektiv. In dieser Kommunalka leben die junge und sympathische Nadja, die etwas reifere und durchtriebene Larissa Pawlowna sowie deren Mutter Anna Kondratjewna, die oft auch als ›die Alte‹ oder als ›Oma Njura‹ bezeichnet wird und auf einer Truhe in der Küche schläft. Hinzu kommen einige Besucher, zumeist Verwandte oder Bekannte von Nadja.

Das Phänomen der unendlichen Treppe auf einem Bild des niederländischen Künstlers M. C. Escher (Ausschnitt)

Das Phänomen der unendlichen Treppe auf einem Bild des niederländischen Künstlers M. C. Escher (Ausschnitt)

Das Problem der Treppe scheint ihnen vertraut zu sein und auch in der Wohnung selbst gibt es weitere Irritationen im Raum-Zeit-Gefüge, beispielsweise quicklebendige Parallelwelten in der obersten Schublade der Flurgarderobe oder ein Zimmer, dessen Niveau über drei Stockwerke reicht und sich ständig zu ändern scheint. Aber das ist für die Handlung unerheblich. Hauptsächlich geht es um das Verhältnis zwischen Piroschnikow und den Bewohnerinnen der Kommunalka. Ich möchte nicht allzu viele Worte über die Handlung verlieren, die Lektüre der 180-Seiten-starken Novelle sei ausdrücklich ans Herz gelegt. Stattdessen möchte ich hier den Einstieg ins 15. Kapitel wiedergeben, welches da heißt ›Krach in einer ehrbaren Familie‹, weil darin so viel über das soziale Wesen Mensch gesagt wird und gleichzeitig der freundliche Schreibstil des Autors deutlich zutage tritt, eine literarische Kostprobe sozusagen:

»Fragt sich, wozu die menschliche Natur mehr geschaffen ist – zum gemeinschaftlichen Wohnen oder zum individuellen. Es scheint hundertfach bewiesen, sei’s am Beispiel schiffbrüchiger Seeleute, die es auf eine unbewohnte Insel verschlug, dass der Mensch nicht allein sein kann, Einsamkeit macht ihn unvermeidlich zum wilden Tier. Doch, mit Verlaub, das Wohnen in einer Gemeinschaftswohnung, wirkt es besser? Die Beispiele dagegen sind Legion. Zu erleben, wie der Typ nebenan Tag für Tag alles falsch macht (aus Ihrer Sicht!), etwa eine Katze anschafft, das Licht im Klo, Pardon, brennen lässt, ungehörigen Besuch mitbringt, einem erzfrech und unverschämt ins Gesicht grinst, nein, das übersteigt die Kräfte, das ist schlimmer als eine unbewohnte Insel … Kein Wunder, dass zuweilen Wirbelstürme durch Gemeinschaftswohnungen fegen, mit Türenknallen, Lampenschaukeln und Ausdrücken, die je zu hören, lieber Leser, Ihnen hoffentlich erspart bleiben mag.« (S. 130)

Da über den sowjetischen Autor Alexander Shitinski von mir weiter nichts herauszufinden war, halten wir uns an den Klappentext des von Monika Böhmert gestalteten Schutzumschlags:

»Alexander Shitinski wurde 1941 geboren. Er arbeitete als Ingenieur für Elektrophysik und lebt jetzt als freischaffender Schriftsteller in Leningrad. Er schreibt vorwiegend phantastische Erzählungen und Novellen.«

Auch wenn die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) anlässlich der Buchmesse behauptete, Treppen gingen immer, ist das vorliegende Buch ›Die Treppe‹ heute nur noch antiquarisch erhältlich. Die Betitelung als ›Phantastische Novelle‹ mag wohl der Grund dafür gewesen sein, dass die deutsche Ausgabe von 1984 bis heute nicht wieder aufgelegt wurde, denn mit dieser Einordnung rückt man ganz schnell in die Nähe anspruchsloser Unterhaltungsliteratur, Pulp Fiction eben. Vielleicht war Alexander Shitinski aber auch in der Partei oder als Ingenieur gänzlich unpolitisch, so dass er heute keine Rolle mehr spielt, denn da druckt man doch lieber russische Dissidenten. Ich würde das Buch vielmehr unter dem Label ›Magischer Realismus‹ einsortieren, denn hier geht es weniger um das phantastische Element und mehr um reale Personen mit realen Problemen. Das Magische dient lediglich als Metapher oder als Vehikel, um der Geschichte eine bestimmte Richtung zu geben. Damit steht ›Die Treppe‹ verdientermaßen im gleichen Regalfach wie ›Die Nase‹ von Gogol oder ›Der Meister und Margarita‹ von Bulgakow. Und jetzt raus an die frische Luft, bevor das Treppenhaus anfängt zu spinnen!

~
Alexander Shitinski:
Die Treppe.
Phantastische Novelle,
Kapitel 20, Seiten 178,
Aus dem Russischen von Harry Burck,
Verlag Volk und Welt Berlin: 1984,
7,20 Mark der DDR.

Über andileser

Ich bin außer mir.
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