→ Alexander Gottlieb Baumgarten weiß, was schön ist

Ästhetik – dieser Begriff durchwandert Europa bis hinein in die Gegenwart. Verantwortlich dafür ist Alexander Gottlieb Baumgarten, einer der tiefsinnigsten Philosophen zwischen Rationalismus und Aufklärung. Baumgarten gilt als Begründer dieser ›Wissenschaft von der Schönheit‹. Zuvor hatten Descartes, Leibniz und Christian Wolff die Geisteswissenschaften vor allem mit Rationalität angereichert. Logik und Mathematik galten als verlässliche Methoden, um ›Fehler‹ in der Sprache und im Denken zu erkennen bzw. zu vermeiden. Doch wie sollte es möglich sein, die Gesetze der Logik oder Mathematik auf die Schöpfungen der Kunst anzuwenden? Gibt es eine Logik des Schönen?

Aesthetica

* 17. Juli 1714 in Berlin
† 26. Mai 1762 in Frankfurt (Oder)

»Sein Kopf war vorzüglich systematisch. Alles, was er dachte, ward System.«
(Georg Friedrich Meier, 1763)

Alexander Gottlieb Baumgarten kam als Sohn eines protestantischen Garnisonspredigers in Berlin zur Welt. Hier besuchte er die angesehene Schule zum Grauen Kloster. Durch den frühen Verlust beider Elternteile wurde der junge Baumgarten in das von August Hermann Francke geleitete Pädagogium zu Halle aufgenommen, einer christlich frommen Erziehungsanstalt im Geiste des Pietismus. Seine überdurchschnittlichen schulischen Leistungen befähigten ihn zum Studium der Theologie, der Weltweisheit (= Philosophie) und der Schönen Wissenschaften (= Rhetorik & Poetik) an der Universität Halle. Nach dem Magisterexamen unterrichtete Baumgarten Poetik und Logik am Franckeschen Waisenhaus und ab 1737 Philosophie an der Hallenser Universität. Im Jahr 1740 wurde Alexander Gottlieb Baumgarten als Professor der Weltweisheit und der Schönen Wissenschaften an die Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder berufen. Aus seinen Frankfurter Vorlesungen zur Ästhetik – den ersten dieser Art überhaupt – ist sein zweibändiges, aber unvollendet gebliebenes Werk ›Aesthetica‹ (1750/1758) hervorgegangen. In dessen Vorwort heißt es: »Aesthetica est scientia cognitionis sensitivac. Ästhetik ist die Wissenschaft des sinnlichen Erkennens.« Damit etablierte er die Ästhetik als Schwesternwissenschaft der Logik.

Alexander Gottlieb Baumgarten hatte herausgefunden, dass es zu den sogenannten ›oberen Vernunftgründen‹ (womit Logik und Rationalität gemeint sind) auch noch eine ›Logik der unteren Vernunftgründe‹ geben müsse. Dabei interessierte ihn besonders, wie Künstler zur Kreativität gelangen, wie sie aus Intuition, Phantasie, Gefühlen und Geschmack heraus ihre Werke hervorbringen. Baumgarten vermutete, dass sich aus den unteren Vernunftgründen ›Wahrheiten‹ speisen, die manchmal denen der Rationalität zu widersprechen scheinen, aber dennoch ›wahr‹ sind. Insofern geben ihm heute die Hirnforscher Recht, wenn festgestellt wird, dass unsere Entscheidungen offensichtlich den Hirnregionen entspringen, welche für Gefühle zuständig sind, und erst anschließend, wenige Sekundenbruchteile später, auf der rationalen Bewusstseinsebene verarbeitet werden.

Baumgarten postulierte, dass der von ihm so bezeichnete Felix aestheticus (»Der glückliche Künstler«) vor allem in drei verschiedenen Zuständen schöpferisch produktiv ist: In der Liebe möchte er sich mit Allem verbinden; er erfasst das Schöne und nutzt diese aus der Liebe fließende Kraft, aber auch Empfindsamkeiten, welche dann in Poemen ihren Ausdruck finden. Dagegen werden im Zorn Energien freigesetzt, welche zu Erkenntnissen und Wahrheiten führen; beispielsweise fließt so die Erkenntnis von Schmerz in das künstlerische Werk, welche wiederum andere feinsinnige Geister nachempfinden können. Der dritte Zustand des schöpferischen Künstlers ist der des Rausches; die enthemmende Wirkung des Rausches führt zu Erkenntnissen, welche im normalen zivilisatorischen Umgang eher stigmatisiert (bzw. tabuisiert) werden. Außerdem finden sich im Rausche intensivere Emotionen sowohl der Liebe, als auch des Zorns, welche in ihrem Wechselspiel den Fundus für weitere Schöpfungen in der schöngeistigen Kunst und der Poesie im weitesten Sinne erhöhen.

Schon in seiner Magisterarbeit hatte sich Baumgarten mit dem Verhältnis zwischen Dichtkunst und sinnlicher Wahrnehmung beschäftigt. Als Ideal der Dichtung galt ihm die sinnlich vollkommene Rede (oratio sensitiva perfecta). Laut seiner Auffassung wird die Schönheit eines Gedichts (oder eines anderen Kunstwerks) durch die Übereinstimmung der einzelnen Teile in Bezug zum Ganzen (und zur Wahrhaftigkeit der Idee) deutlich. Schönheit ist demnach die mit den Sinnen »verworren erkannte«, statt mit der Vernunft deutlich erfasste Vollkommenheit.

Durch Alexander Gottlieb Baumgarten wurde die Ästhetik zu einer Schwesternwissenschaft der Logik und zum Ausgangspunkt einer Theorie der freien Künste. Dank Baumgarten wurde die sinnliche Erkenntnis gegenüber der reinen Verstandeserkenntnis aufgewertet und Teil des philosophischen Denkens. Seine Schriften ›Metaphysica‹ (1739) und ›Aesthetica‹ hatten nachweislich Einfluss auf das Denken von Kant, der Baumgartens Thesen teilweise wieder relativierte, sowie auf Mendelssohn, Herder, Schiller und Hegel.

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Linktipp Arno Schubbach: «Eine philosophische und oft dichterische Fackel» (NZZ vom 13. Juni 2014)
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Mein Dank gilt Michael Haufe. RIP 2013.

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Über Alexander

Ich bin außer mir.
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