→ Alexander Pope: Auf Gullivers Reisen

Alexander Pope

Has he smoked dope: Alexander Pope?

Hierzulande ist Alexander Pope so gut wie unbekannt. Dabei hat jedes Kind mindestens einmal in seinem Kinderdasein ein Buch in Händen gehalten, das von diesem Pope befürwortet und bevorwortet wurde.

* 21. Mai 1688 in London
† 30. Mai 1744 in Twickenham bei London

Gemeint ist der Abenteuerroman „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift. Alexander Pope und Jonathan Swift verband trotz ihrer 20 Jahre Altersunterschied eine langjährige Freundschaft. Die beiden gehörten zum satirischen „Scriblerus Club“, wo sie zusammen mit anderen Schriftstellern wie John Gay („The Beggar’s Opera“) und John Arbuthnot literarischen Träumereien und Spielchen nachhingen. Ein gemeinsames Produkt der Clubgänger war die literarische Figur Martinus Scriblerus, die in „Memoirs of the extraordinary life, works and discoveries of Martinus Scriblerus“ zum Leben erweckt wurde.

Auf diese Zeit ging auch die Idee zurück, erzählerisch einen Schiffskapitän zu konstruieren, der sich an seine wunderbaren Reisen über die sieben Weltmeere erinnert. Seemannsgarn lag voll im Trend, denn 1684 war das Piratenbuch „Die Amerikanischen Seeräuber“ des Wundarztes Alexandre Exquemelin auf Englisch erschienen, und 1719 war Daniel Defoes Roman über einen Schiffbrüchigen namens Robinson Crusoe herausgekommen. „Gullivers Reisen“ wurde von Swift 1726 anonym veröffentlicht und trug in der zeitgenössischen Manier den Bandwurmtitel „Reisen in verschiedene ferngelegene Länder der Erde in vier Teilen von Lemuel Gulliver, erst Wundarzt, später Kapitän mehrerer Schiffe“. Das Vorwort stammte von einem gewissen Richard Sympson, der sich selbst als Herausgeber und Lemuel Gulliver als seinen Verwandten bezeichnet. Der wahre Verfasser dieses Scherzartikels war kein geringerer als Alexander Pope. Hier ein Auszug:

»Der Verfasser dieser Reisen, Lemuel Gulliver, ist mein alter und sehr vertrauter Freund; wir sind sogar von mütterlicher Seite ein wenig verwandt. Durch das ganze Werk geht ein Geist der Wahrheit. Der Verfasser zeichnet sich so sehr durch Wahrhaftigkeit aus, dass, wenn man in der Nachbarschaft von Redriff etwas recht versichern wollte, man gewöhnlich sagte: Dies ist so wahr, als wenn Herr Gulliver es gesagt hätte.«

Um Illusion und Ironie vollkommen zu machen, reagierte der angebliche Autor (Lemuel Gulliver alias Swift) auf die angeblichen Kürzungen seines angeblichen Herausgebers (Richard Sympson alias Pope) mit einem nachgefügten Vorwort: »Aber wenn ich mich recht erinnere, habe ich Ihnen nicht gestattet, irgendetwas wegzulassen, und noch weniger, etwas hinzuzufügen.« Die Umstellungen seien so gravierend, »dass es mir schwer war, mein eigenes Werk wiederzuerkennen.« Das alles klingt wie die Brieffreundschaft zweier Streithähne. Man merkt, die Herren hatten gehörig Spaß an ihren Albernheiten.

Alexander Pope war ein Dichter, Schriftsteller und Übersetzer. Inmitten einer anglikanisch dominierten Gesellschaft gehörte die Familie Pope zur verfemten katholischen Minderheit. Da war es sicherlich nicht gerade hilfreich, wenn man auch noch nach dem Oberhaupt der Katholiken hieß, denn das englische Wort pope bedeutet ›Papst‹. Seinen Namen hatte Alex vom Vater, denn der hieß ebenfalls Alexander Pope. Aufgrund einer Knochentuberkulose entwickelte Alexander früh eine Verkrümmung des Rückgrats, die ihn am Wachstum hinderte und zu einer buckligen Kleinwüchsigkeit führte. Seine körperlichen Gebrechen konnte Pope jedoch durch brillante geistige Fähigkeiten wettmachen. Seine Lebensmaxime tat er 1734 in dem Essay On Man kund: »Whatever is, is right.« Von einem mit der Familie befreundeten Priester wurden Pope Griechisch und Latein vermittelt, was ihm die Lektüre antiker Autoren ermöglichte.

Zu Popes größtem Verdienst zählt die englische Übersetzung der homerischen Epen Ilias (1715–1720, 6 Bände) und Odyssee (1725–1726, 5 Bände). Verdienst im doppelten Sinn des Wortes, denn mit der Übersetzung der Ilias machte Pope ein Vermögen. Davon konnte er sich ein Landhaus kaufen und ein Leben als Berufsschriftsteller führen. Der Grund für den finanziellen Erfolg steckte vor allem im Geschäftsmodell. Pope kündigte seine englische Homer-Ausgabe als Fortsetzungsreihe an. Sechs Jahre lang sollte jedes Jahr ein Band der Iliade erscheinen. Wer den Mehrteiler lesen wollte, musste ein Abonnement unterschreiben. Pope handelte mit dem Verleger Bernard Lintot ein sensationelles Honorar aus. Nach dem Erfolg der Ilias nahm sich Pope die Odyssee vor und beauftragte eigens hierfür einige Übersetzer. Obwohl er immerhin die Hälfte der Übertragungen selbst erledigte, sollte das Engagement der Ghostwriter geheim bleiben. Doch das Geheime wurde publik und Kritiker meldeten sich zu Wort: Wie kann er nur! Wie kann er Übersetzungen unter seinem Namen herausbringen, die er nicht selbst übersetzt hat! Die Betonung klang bald so: Wie kann er Texte herausbringen, die er nicht selbst geschrieben hat!

Das Skandälchen mag vielleicht Popes Ansehen zu Lebzeiten geschmälert haben, nicht jedoch seinen Ruhm in der Nachwelt. Apropos Nachwelt. Alexander Pope ersann die folgende Inschrift für das Grab von Isaac Newton in der Westminster Abbey:

»Nature and Nature’s Laws lay hid in Night:
God said, Let Newton be! and all was Light.

Natur, Naturgesetze im Dunkeln sah man nicht;
Gott sprach: Es werde Newton! Und es ward Licht.«

Alexander Pope war bekannt für seine Bonmots. Weitere geistreiche Bemerkungen von ihm gibt es auf Deutsch hier: Die schlauen Sätze des Alexander Pope.

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Bildquelle: Wikipedia Commons

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Über Alexander

Ich bin außer mir.
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